Die Gymnasien - Neform.
Man muß sich wundern, daß die deutsche Journalistik so gesegnet mit Reformen aller Art in der wichtigen Anklage gegen die Gymnasien noch immer zurückbleibt. Wäre die Frage nicht interessant genug, weil sie nicht augenblicklich in einer Kategorie der politischen Tagesfragen einzureihen ist? Sie ist mehr als interessant, sie ist verzweifelt wichtig. Ganze Generationen hängen von ihr ab, denn die Bildung ganzer Generationen ist von ihr abhängig; wir sind stolz darauf, daß die Frage bei uns in Sachsen für ganz Deutschland lebendig gemacht worden und die Stimmung dafür bereits so erwärmt ist, daß die Anregung nicht mehr ohne Folgen bleiben kann. Allem Anschein nach ist auch die Regierung im Wesentlichen auf Seite der Reform (?) und wir erwarten mit Zuversicht, daß so wie Sachsen einst in sogenannter klassischer Schulbildung in deutschen Ländern voranging, so werde es auch jetzt darin vorangehen, Einrichtungen umzugestalten, welche von der Zeit überholt worden und in ein Zopfthum ausgeartet sind. Letzteres ist vielleicht zu stark, denn man kann nicht sagen, daß die Gymnasien neuerer Zeit ausgeartet wären, aber sie haben nichts gelernt und nichts vergessen und deshalb ist ihnen der Zopf fo lang gewachsen, daß jetzt die erforderliche Bewegung eines Gymnasiallehrers und eines Gymnasiasten gradezu unmöglich ist.
Dc>r Gymnasiallehrer vi-. Köchly in Dresden hat diese Reformfrage, welche seit Jahrzehnten zu wiederholten Malen vergeblich angeklopft, diesmal mit Glück in die öffentliche Verhandlung eingeführt, und die speciellen Vorschläge, welche er macht, werden von dem Publicum und auch von unbefangenen Gymnasiallehrern als gut und billig begrüßt. Er verlangt, daß nicht mehr alle Gymnasiasten zu Philologen ausgebildet werden, will sagen, daß sie nicht mehr bis zur ersten Classe hinauf vorzugsweise im Lateinischen und Griechischen unterrichtet werden.