Oin Mittag in Genf.
Aus einem Neisetagcbuch.
Genf im Juli.
Ein Fenster im vierten Stockwerk eines großen Hauses ans dem Htt?n «In Mlnnv ist jetzt meine ganze Seligkeit; jeder Blick, den ich hinauswerfe, enthält einen ganzen Himmel an Wonne und süßen Empfindungen. Der See in seiner blauen Pracht liegt vor mir, und ich kann es nicht müde werden, hinausznschanen. Er übt eine so magische Kraft auf mich aus, daß ich Frühstück und Mittagsmahl über seinen Anblick vergesse. Und kann man denn hier in Genf etwas Besseres thun, als seine Tage im harmlosen Genusse der Natur hinbringen, wenn man durch Umstände gezwungen ist, nur mit der Herr-' sehenden Kaste zu verkehren! Nein, es kann sich Niemand einen Begriff machen von diesen Leuten, der nicht eine Zeit lang hier gelebt hat. An andern Orten findet man dergleichen Menschen wohl auch, aber nur vereinzelt. Hier sind sie eine compacte Masse, bilden die höhern Kreise der Gesellschaft lind haben das Ruder des Staats in Händen- Todter Nnchstabenglaube, sinnliche Frömmelei, weichliche Ueppigkeit, Engherzigkeit, Unduldsamkeit — das sind die Hanptzüge ihres Charakters. — — Einen meiner ersteil Besuche machte ich bet der Familie Zc., die bei Cologny an dem Ufer des Sees eine der reizendsten Campagnen bewohnt. Es ist eine der ersten und angesehensten Familien Genfs, die auch auswärts vielfach bekannt ist, deren Namen ich aber aus Rücksicht der Gastfreundschaft verfchweigen muß. Wenn im Verlaufe dieser Zeilen so viel von Herrn Zc. die Rede ist, der weder eine politische Rolle spielte, noch überhaupt ein außergewöhnlicher Mensch ist, so geschieht es nur darum, weil er der beste Typus der hierorts herrschenden Finanzaristokratie ist. Herr A., etwa 50 Jahre alt, ist ein äußerst feiner Mann, fein bis an's Weibische