Tyrolische Zustände.
Wir leben im äußern und innern Frieden, keine religiösen oder politischen Wirren trüben bei uns die Eintracht; der Bauer bestellt die eigenthümliche Scholle, und genügt ihr Ertrag auch nicht dem eigenen Bedarfe, so ist doch das Erzcugniß des Heimathlandes und des betriebsamen Fleißes hinreichend, die Bewohner gegen die Bedürfnisse des Lebens kummerlos zu halten. Demungeachtet fehlt gar Manches zum Gefühle wahren Wohlseins. Die frischkräftige Natur des Aelplers leiht in unsern Bergen dem Volke ein gesundes, fröhliches Aussehen, dessen Farbe so nachhaltig ist, daß sie leicht eine Zeitlang über die geringere Befriedigung des innern Sinnes täuscht. Der Tyroler gleicht einem muntern Knaben, der beim trockenen Brode fröh- lich singt und hüpft, wenn er nur ungehindert in der gewohnten Art sich bewegen darf; selbst strenge Gesichter und harte Worte seines Vaters oder Meisters vergißt er lustig und verjodelt den Aerger im Spiele auf freiem Felde. Wer hielte, da er ihn also sieht und hört, den Burschen sür anders als seelenvergnügt?
Wir wollen nun zwar nicht behaupten, es herrsche bei uns ein eigentliches Mißvergnügen; aber ein gewisses Mißbehagen nimmt all- mälig die Stelle der guten alten Stimmung ein, und es tritt die Meinung deutlicher zu Tage, dieses oder jenes sollte nicht sein, wie es ist, weil es früher anders und besser war.
Der Vaterlandsfreund muß sich aufgefordert fühlen, diese Erscheinung näher zu erwägen, und was er gefunden, zur Oeffentlichkeit zu bringen; vielleicht achten dann auch Andere darauf, die berufen sind, zu wachen, daß das Gemeinwesen keinen Schaden nehme.
Fassen wir zuvörderst die edelsten Interessen — die Pflege des Geistes — in's Auge. Alsbald gewahren wir. wesentliche Mängel
Grenzbotm. IN. 54