Neue Lyriker.
— Berlin im Juli —
Mitten im Gewühl und unter dem Getümmel der Residenz die Erscheinungen der Lyrik zu verfolgen, ist eben so schwer als unter den Zerstreuungen der Hauptstadt ein Tagebuch zu führen, in dem man nur sich selbst angehört.
Die Dichter suchen in unserer Zeit wohl selbst den Lärmen des Tages. Die Poesie ist erst zur politischen und dann zur socialen geworden, was ich an sich weder für einen Fortschritt, noch für einen Rückschritt halte. Mindestens ist der Fortschritt von diesem zu jenem Stoffe bei Weitem noch kein Fortschritt der Poesie selber und ein Volk, das sich mit einer so lchen Entwickelung seiner Poesie begnügen könnte, wäre innigst zu bedauern. Und doch ist nicht zu leugnen, daß es den Anschein gewinnt, als wäre dies wenigstens sür den Augenblick bet den Deutschen der Fall. Die Mehrzahl unserer Dichter will keine eigentliche künstlerische Entwickelung mehr durchmachen, durch die z. B. Le- nau so groß geworden ist, und die selbst Heine trotz allen Coquettircns mit den Zeittendenzen, wahrlich nicht entbehrt hat, ja, die diesem eine so unabhängige Stellung sicherte, daß er in seinen neuen Gedichten sogar es wagen konnte, mit seinem poetischen Genius sich über alle politische Parteien zu erheben, und sowohl über den Kaiser Barbarossa, als über diejenigen, welche er sarkastisch genug seine Mitwölfe nennt, die Geißel des Spottes zu schwingen.
Wie jede Entwickelung, so ist auch die künstlerische zugleich ein Prozeß der Selbstbefreiung. Die poetische Kraft in ihrer höchsten Entfaltung schließt zugleich das höchste Freiheitsgefühl ein, dessen Genuß
Grenzvottn. lll. I8iv.