Beitrag 
Tagebuch.
Seite
88
Einzelbild herunterladen
 

89

unter anderm:Der Platz hier heißt der Exerzierplatz, auf ihm haben sich einst die Krieger in den Waffen geübt, um die Victoria da droben auf dem brandenburger Thor zu befreien, jetzt beginnt die neue Uebung, um die in Fesseln schmachtende Victoria der Kunst zu be- freien, wozu ich selbst als ein Marschall der Kunst, welchen des Königs Gnade zum Kampfe erkoren" u. s. w. Ob dies ganz genau die eigenen Worte des Herrn v. Cornelius waren, wissen wir nicht, in­deß der Sinn ist genau wiedergegeben. Ferner sagte Herr von Corne­lius,er habe fünf Mal die Alpen und die Apenninen überschritten, aber nicht, , um in Italien zu schwelgen, sondern um dem Vaterlande das Beste zu holen" zc. Der Effect dieser Rede war plötzlich und über­wältigend: Cornelius, ein Mar schall der Kunst auf dem Exer­zierplatz vor dem brandenburger Thor, gradeüber Kroll's Etablissement, erkoren, um diein Fesseln schmachtende Victoria der Kunst zu befreien." Man wurde unwillkürlich an des Herrn v. Cornelius verwunderungswürdiges OelbildChristus in der Vorhölle," das Graf Raczynski für IWV Friedrichöd'or zu acquiriren das Glück gehabt, erinnert, worauf man Leute erblickt, die man, waren sie so unglücklich, zu leben, nicht schnell genug in's erste, beste orthopädische Institut schicken könnte, und denen die Augen an Theilen des Kopfes sitzen, wo man sie für gewöhnlich nicht zu suchen pflegt.

Zugleich aber wurde man auch erinnert, daß in Deutschland hier und da Künstler leben, wie die Schadow's, Julius Schnorr, Overbeck, W. Kaulbach, Lessing, Rauch, Schwanthaler, Kiß :c. DemChri- stus in der Vorhölle" Äehnliches haben die Genannten freilich bis dato nicht hervorgebracht, aber dafür ist es ihnen auch bis jetzt noch nicht eingefallen, fürMarsch alle der Kunst" gelten, und diein Fes­seln schmachtende Victoria der Kunst" befreien zu wollen.

Wer wollte nicht gern, die großen Verdienste anerkennen, die Herr von Cornelius sich um die Kunst erworben, namentlich als Theoretiker und Lehrer künstlerischer, energischer Charaktere, denn Herr von Corne­lius war in der Kunst weit mebr eine bedeutende und einflußreiche Ca- pacität, als ein genialer Producent, und nicht Kaulbach allein hat ihn in letzterer Beziehung weit überflügelt; allein die Zeiten haben sich ge­ändert und weder die Praxis noch die Theorie bedarf heutzutage der Tha­ten des Herrn v. Cornelius in der Eigenschaft eines Marschalls der Kunst, um die schmachtende Victoria zu retten.

Die wunderliche Rede des Herrn von Cornelius verfehlte denn auch nicht, ein sehr mißliches Erstaunen unter den Künstlern Berlins zu erregen, und Friedrich Förster, sonst eben kein Bayard, übernahm es, in einer Sitzung deswissenschaftlichenKunstvereins" dieselbe gehörig ->,(1 ilksurclum zu führen. Schade, daß Förster dabei vergaß, der Werke des genialen Schlüter und der gründlichen Reiterstatue des großen Kurfürsten auf der langen Brücke, eines Kunstwerkes, zu gedenken.

In No. 46 der evangelischen Kirchenzeitung hat der bekannte Ge- schichtstäuscher Heinrich Leo (Vn und Professor in Halle) eine Recen­sion über Niebuhrs Buchdas Zeitalter der Revolution" geliefert, worin