Gisenach nnd Wartburg.
Zsus einem Reisetagebuche.
Eisenach ist eine nette, freundliche Stadt, und sie hätte gewiß einen rein poetischen wohlthuenden Eindruck aus mich gemacht, wenn mir nicht gleich bei der Einfahrt eine Schaar uniformirter, weiblicher Sträflinge begegnet wäre, die die Gassen putzten. Man stellt sich das uralte Eisenach gewöhnlich düster und mittelalterlich vor — aber es ist eine eigene Sache mit den alten Städten. Es geht mit ihnen, wie mit den Menschen: Die älteste», Ueberreste einer stärkern Generation, gehen stark und stolz, mit jedem Frühling neu erblühend, einher und wenn sie sterben, sterben sie jung! während die jungen, alt geboren, alternd aufwachsen und früh blasirt und zerrisseil wie schlecht gebaute Häuser bald einer Stütze bedürfen. — Willst du Näheres über Eisenach erfahren, so brauchst du nur Ludwig Bechstcin nachzulesen; ich weiß es zwar nicht mit Bestimmtheit, aber'ich setze cs voraus, daß er auch über Eisenach geschrieben, denn seinem Scepter, das ist, seiner Feder, gehört jeder Stein in Thüringen, das er als Poet, Märchenerzähler und Beschreiber mit bewunderungswürdigem Fleiße ausbeutet. Du wirst es schon bemerkt haben, wie die einzelnen Gauen Deutschlands einzelnen Poeten angehören: Baicrn, daS versteht sich von selbst, gehört seinem Könige; Schwaben beherrscht mit seinein mystischen Mistelzweige der alte König Uhland, in Verbindung mit seinen romam tischen Vasallen, in neuerer Zeit kam jedoch noch der biedere Dorfschulze Berthold hinzu; ganz Jnnerösterrcich gehört Anastasius Grün; am Rhein stehen viele romantische Burgen; in Westphalcn ist Immermann eingewandert und hat es erobert, seit seinem Tode hat sich Levin Schücking dort einen Thurm erbaut und Fräulein Droste führt ein Frauenregiment; der Brandenburger Sand gehört seinen Kopten
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