T a g e b u ch.
Reueste Erzählungsliteratur.
i.
Louise von Gall.
Fast scheint es, als sei es neuerdings die Aufgabe der literari- schen Frauen geworden, den jährlichen Neubeginn der Erzählungsliteratur einzuleiten. So kam vorm Jahr, mitten in eben so bücherleerer Periode, „Anna" von Adele Schopenhauer und dicht hinter dieser kamen Jda Hahn-Hahn und Jda von Düringsftld. In weißem Atlaspapier, verziert mit schweren blau, roth und goldenen Arabesken, die Titel im unecht gothischen Style des Renaissancegeschmackes, prangten ihre Bücher. Man hätte glauben mögen, der königl. preuß. Hofbuchhändler Duncker habe für seine Schriftenheere eine Uniform erfunden, oder er habe durch diese Art der Brochirung darauf hindeuten wollen, wie jene beiden Bücher recht eigentlich nur. Eigenthum, weil vollblütige Kinder, der Gesellschaft seien. Neben diesen prächtigen Toiletten der Dunckerschen Damennovellistik nehmen sich die Frauennovellen von Louise v. G... (Gall), welche dieser Tage die Roman- und Novellcnsaison eingeläutet haben, sehr einfach aus, und dennoch denkt man unwillkürlich daran, wie in strahlend geputzter Salons-Gesellschaft jene stillen Frauen im einfach grauseidenen Ucberwurfe oft ein weit höheres Interesse einflößen, als manche Andere in flatternden Gewändern, mit blau und rothem Ausputz und mancherlei goldenen Schmucksachen. Gräfin Hahn-Hahn, trotz ihrer Mängel und Schroffheiten, ja selbst um dieser willen, wie Jda von Düringsftld sind allerdings literarische Erscheinungen von Interesse und Reiz. Aber dieser Reiz ist der Lesewelt nicht mehr neu und sie stellt hier höhere Anforderungen, weil ihr entschiedene Geltungsansprüche entgegengebracht worden. Louise von G. ist dagegen den weitern Kreisen des Publicums eine völlig neue Persönlichkeit und selbst der literarischen Welt nur aus einzelnen flüchtigen Begegnungen bekannt. Es mögen ungefähr sechs Jahre her
Wrmzivten, ISi«. II. V