Die Sterblichkeit in unserer Zeit
Einer der falschen Gemeinplätze, die man am häusigsten vorbringen hört, ist die Behauptung, daß die physische Kraft der Men- schenrace von Geschlecht zu Geschlecht immer mehr abnähme. Ursprünglich von Schriftstellern ausgegangen, die gewissen Mißbräuchen entgegenkämpfen und entartete Sitten zur Natur zurückführen wollten, mit Beifall aufgenommen von allen Lobrednern der Vergangenheit, ist jener Irrthum zuletzt allgemein und populär geworden. Und da er einmal für eine Thatsache galt, wurde man auch bald einig über den Grund derselben. Die Ursache jener traurigen Nothwendigkeit, hieß es, ist — die Civilisation. Man klagt daher unsere politischen und socialen Zustände, unsere Lebensart, Denkweise und Empfindungen an — kurz Alles, wodurch wir uns von den Barbaren oder Wilden unterscheiden.
Zum Theil ist dieser Irrthum schon von Denkenden widerlegt worden, aber es dürste doch nicht uninteressant sein, die Resultate einiger neueren Untersuchungen mitzutheilen, die man über jene Frage angestellt hat. Die erwähnte Ansicht spricht sich gewöhnlich in folgenden drei Sätzen auS: 1. Die Sterblichkeit habe in neuerer Zeit zugenommen; 2. Die Dauer des menschlichen Lebens sei kürzer geworden; 3. Endlich sei die Zahl der Krankheiten fortwährend im Steigen begriffen.
Wir wollen diese drei Sätze, einen nach dem andern, prüfen, und es wird sich zeigen, daß, in gewisser Beziehung, durchaus kein Unterschied ist zwischen Sonst und Jetzt; daß, in vieler Hinsicht eine offenbare Verbesserung stattgefunden hat; daß endlich die Ci-
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