Die Fortfchrittstheorie in Deutschland
Seit Kurzem fängt der politische JndifferentiömuS wieder cm mit Macht um sich zu greifen. Das warme Interesse der ersten vierziger Jahre ist abgekältet und als sein Niederschlag eine Menge von Theorien verblieben, die wie Pilze -aus der Erde aufgeschossen. Das Loos alles Großen und Herrlichen in Deutschland! Die Mattherzigkeit unserer gelehrten Stubenhockern hat kein Organ für ein unmittelbar frisches Interesse; erst im Hohlspiegel der Theorie will eS angeschaut werden, um der metaphysischen Kaltblütigkeit keinen Eintrag zu thun. Wir sind immer auf der Flucht vor unsern eignen HerzenSintcrcssen, wir müssen sie erst von uns abtrennen, um ihrer bewußt zu werden. Von Kindheit an werden wir belehrt, uns selber zu mißtrauen, uns abzutödten und unsrer selbst zu entäußern. Da gebricht es dann natürlicher Weise dem Leben an Selbstgewißheit und Selbstvertrauen; von der Theorie wird gläubig der Bestimmungsgrund alles Handelns erwartet und doch ist ihr oberstes Princip der Zweifel. Zur lächerlichsten Sklaverei erzogen, zum Knechtesdienst einer schwanken Grille, die wir mit dem Namen der Idee aus- staffiren, entbehren wir von vorncherein der Befähigung zur Freiheit. Man darf nur hören, was unsere gefeierten Vernunft- und Wissenshelden uns als höchste Entwicklungsphase deutschen Lebens anpreisen, und man wird kaum einen Augenblick lang Bedenken tragen, den status yuo dieser vorzuziehen. Nicht wir selber sind uns die Idee, wie sie den andern Völkern der Ausdruck ihres eignen Wesens ist: sie ist uns eine Macht des Himmels, die uns am Gängelbande einer jenseitigen phantastischen Weisheit leitet, eine starre fremde Gottheit, zu der wir kein anderes Verhältniß haben, als das deS Wissens. Und wie die Andacht, die dem Gotte der Religion dargebracht wird, das einsame Kämmerlein heischt, eben so schließt die-
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