Ein Blick ans die deutsche Journalistik im Jahr I8»3.
Von
W. H. R i e h l.
„Ohne Nationalität keine Freiheit. Nationalität ist die Grundbedingung alles Völkerlebens, ist die Form seines Daseins. Die Freiheit ist seine Erfüllung" — in diesem Allsspruche Karl Grün's möchten wir das Stichwort der politischen Bewegungen der jüngsten Vergangenheit erblicken. Sich zur rechten Auffassung nationaler Interessen durchzuringen, in ihnen die concrete Form zu finden für das Abstractum — Freiheit, dies war die Aufgabe unserer vorjährigen Journalistik, dadurch aber, daß die deutsche periodische Presse diese Aufgabe wirklich gelöst, manifestirte sie aufs Neue und glänzender alö je, daß der Odem des Lebens, welcher erst seit wenig Jahren ihr inwohnt, immer gewaltiger ihren ganzen Organismus zu durch, geistern beginnt. Die Regeneration, die das abgelaufene Jahr brachte, kam nicht plötzlich, nicht gewaltsam zu Tage; seit I84lt war jene innere Umgestaltung vorbereitet, und obgleich im Streite über das „National oder liberal?" der Sieg sich unterdessen zeitweilig auf die Seite des kosmopolitischen Liberalismus geneigt hatte, diente dies doch blos, uns bei dem trockenen Brod vager Theorien und bei dem zur höchsten Abspannung berauschenden Trank abstracter Freiheitsbegeisterung so recht den Hunger und Durst fühlen zu lassen nach etwas Festem, concret Wirklichem. Wie sich nun jener jugendliche Enthusiasmus im Laufe des verwichenen Jahres abgeklärt, geläutert hat, sich angerankt an unsere nächsten und höchsten Interessen, das geistige und materielle Wohl der Nation — dies nachzuweisen und zwar speciell an dem Entwicklungsgänge unserer Journalistik, ist die Aufgabe des vorliegenden Aufsatzes.