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ihrer sonstigen Persönlichkeit noch so zuwider oder wenigstens gleich- giltig sein: das gibt uns durchaus kein Recht, die Freiheit zu verlassen und überzutreten auf einen Punkt, wo zwar liebenswürdige Menschen und Sitten uns vergnügen, aber weder freies Denken, noch freies Handeln ihre Stätte haben. Man darf sich nicht auf Kosten seines Berufs amüsiren.
Aber war Dingelstedt's frühere Sphäre auch wirklich sein Beruf? Konnte er seiner Natur nach in der Polemik ausdauern und fortschreiten? .Wuchs seine Fähigkeit mit den Erwartungen? Dingelstedt wird sich diese Frage ohne Zweifel verneint haben. Ob mit Recht, wage ich kaum zu entscheiden. Um an unserer ledernen, durch Nachgeben widerstehenden Zeit zu arbeiten, bedarf es nicht allein eines guten, sondern auch eines scharfen Willens, zu dem nicht Jeder das Metall hat. Guter Wille fehlt Dingclstedt gewiß nicht, wohl aber das Zeug zur Charaktcrhärte, die moralische Energie. Sein Nachtwächter, so vollendet in der Form, so trefflich von Inhalt, zeigt gleichwohl von einem gewissen Dilettantismus und hinterläßt den Eindruck, daß Dingclstedt auch in der Politik Schöngeist blieb, daß er die Politik nicht als Beruf erkannte, sondern als anregendes Thema für seinen Humor benutzte, daß er nie Anlage hatte, Tyr- täus zu werden.
Ich spreche hier meine Ueberzeugung aus, wie sie mir auch durch Beobachtungen in früherem Umgänge mit Dingelstedt bestätigt ist. Möglich, daß ich mich irre. Ich komme hiernach zu folgendem Resultat. Als Dingclstedt seinen Nachtwächter herausgab, nahm er die beste Gelegenheit wahr für seine Poesie, ohne eine Haltbarkeit für die Konsequenzen übernehmen zu wollen, die er ziemlich übersah. Als Dingelstedt die Stelle bei Hofe annahm, geschah es, weil er sich nicht stark genug fühlte, seine Neigungen und seinen Vortheil den Rechten der Nation auf Festigkeit ihrer Führer zu opfern und sich, falls er nicht mehr im bisherigen Geist zu wirken wußte, in 'das Privatleben zurückzuziehen. Auch bei diesem Schritte hat er die nach- theiligen Folgen, wenigstens in dem jetzt eingetretenen Umfange, sehr schwerlich sich klar gemacht.
Er mochte es sich hübsch ausmalen, wie er, in einer ciusgezeich- ncten und doch reservirten Stellung, nicht mehr werde berührt werden von dem Zwange der Monats- und Wochencorrespondenzen für