Ma t e r.
u.
I n g r c o.
Jedermann weiß, daß in der französische» Malerschule cm offe- nes Schisma auSgebrochen ist. Zeichnung und Kolorit, diese beiden rivalisirenden Seiten der Malerei, sind durch zwei ausgezeichnete Männer vertreten, die sich ebenso durch ihre Vorzüge, wie durch ihre Fehler von einander unterscheiden. Ihr Gegensatz ist vollkommen, aber er datirt sich nicht von gestern und ist auch nicht der Malerei eigenthümlich, sondern findet sich in allen Zweigen der menschlichen Erkenntniß; es ist der ewige Gegensatz des Geistes und deS Fleisches, deS Idealen und des Realen, deS Symbolischen und des Wirklichen, er herrscht eben so gut zwischen Plato und Epikur, wie zwischen der römischen und flamändischen Schule; Naphael und Rubens sind in der heutigen französischen Malerei durch Ingres und Dela- croir repräsentirt. Diesen beiden Parteihäuptern stellt sich ein dritter Meister zur Seite, der mit einem mehr oder weniger glücklichen Mektizismus, ohne geradezu Naphael oder Rubens nachzuahmen, die beiden sich gegenüberstehenden Schulen in eine gemischte und unentschiedene Manier zu versöhnen strebt: dies ist Delarochc. Außerhalb dieser drei gesonderten Lager steht ein gewandtes, kühnes, geistreiches Talent, welches zu allen und zu keiner Fahne schwört, welches mit gleicher Lebhaftigkeit ein historisches Bild, ein Schlachtstück, ein Genreftück, eine Marine und ein Porträt mall und, was es an Tiefe verliert, an Vielseitigkeit gewinnt. Dieser kühne Improvisator auf der Leinwand, dieser so vorzugsweise französische Maler, die-