S32
Ungehaltene Reden eines Nichtgewcihltsn.
Rüsten für neue? Auf die übermäßige Anspannung muß notwendigerweise Abspannung folgen, und nun gar, wenn so gefährliche Mittel angewandt wurden, um die Gemüter zu erhitzen. In gewissen freien Ländern werden die Wähler durch freien Branntwein znr Ausübung ihrer Bürgerpflicht begeistert, und so schlimm das ist, schlimmer ist die wahre Schnapspolitik unsrer Demagogen — sagen die Leute. Und das Schlimmste ist, daß endlich alle Parteien sich der nämlichen verwerflichen Mittel bedienen müssen, wollen sie nicht ganz und gar mnndtot gemacht werden. Wir haben doch noch andre Geschäfte und andre Sorgen, als in Vereinen und Klubs nns jeden Abend versichern zu lassen, daß wir die einzig Gelehrten, die Vaterlands- und Freiheitsfreunde seien, und alle übrigen, vor allem die Regierenden, Strohköpfe oder ^Verräter. So sagen die Leute, und daß Wahlbewcgungen, wie die letzten, und Debatten, wie die vom 26. und 27. November jene Mißstimmung nur fördern können, das dürfte auch den Herren „Klerikalsinnigcn" einleuchten. Sie lächeln über die Verstimmung der friedlichen Bürger, welche die Faust nur in der Tasche machen? Lesen Sie doch die Geschichte, und zwar die Geschichte einer Periode, welche vielen von Ihnen vor allen sympathisch ist, der „großen" Revolution. Endlich kommt immer der Tag, wo der friedliche, geduldige Bürger sich zur Energie aufrafft und die zungenfertigen Herren, die sich ihnen als Vorsehung aufgedrängt haben, beiseite schiebt, manchmal sogar recht unsanft. Prägen Sie ihm nur ein, daß ihm, wenn er Ihr Regiment nicht wolle, nichts andres übrig bleibe als der Absolutismus, dann aber wundern Sie sich nicht, falls er einmal Lnst bezeigt, nach diesem Äußersten zu greifen!
Berichtigung.
Der Artikel „Die Verstaatlichung der Versicherungsanstalten" (Grenzboten Nr. 46) enthält die aus der Schrift „Materialien für die juristische Beurteilung der in Konknrs befindlichen Nationale" von Dr. F. Wallmann geschöpfte Angabe, im Jahre 1873 habe die „Rostocker Bank" beinahe sämtliche Obligationen der Lebensvcrsicherungsgesellschaft „Die Nationale" übernommen, dafür die 25 Prozent Einzahlung geleistet und für die verbleibenden 75 Prozent ihre Solawechsel gegeben, worauf die gleichfalls aus jener Schrift stammende weitere Behauptung folgt, „die Bank in Rostock" habe 1878 fallirt, was nach dem Vorhergehenden auf die Rostocker Bank bezogen werden muß. Diese Angaben werden uns von dem Syndikus der No stocker Bank als unrichtig bezeichnet, und wir beeilen uns, dies unsern Lesern mitzuteilen. Die „Rostocker Bank" hat sich niemals auf Geschäfte der erwähnten Art eingelassen, auch 1878 nicht fallirt. Es liegt jenen Wallmannschen Behauptungen wahrscheinlich eine bedauerliche Verwechslung zu gründe, indem in Rostock vor Jahren eine neue Bank „Die Vereinsbank" gegründet wurde, die allerdings 1878 fallirt hat.
Die Redaktion der Grenzboten.