Die Wahlen.
as Ergebnis der Wahlen liegt jetzt abgeschlossen vor. Dasselbe ist wichtiger für die bestehende» Parteien als für die Regierung. Letztere wird in ihrer Überzeugung bestärkt, daß die Verfolgung der sozialpolitischen Ziele in der Mehrzahl der im Reiche vorhandenen Wähler Unterstützung und Förderung findet. Eine weitere Folge der Wahlen für die Negierung ist Gott sei Dank im deutschen Reiche undenkbar; erfreuten wir uns der parlamentarischen Mehrheitsherrschaft, wie sie als vornehmstes Ziel dem fortschrittlichen Liberalismus vorschwebt, so könnte sich jetzt Herr Windthorst mit Kleist-Retzow oder mit Eugen Richter über die Bildung eines klerikal-konservativen oder klerikal-fortschrittlichen Ministeriums verständigen. Wir würden es erleben, daß bald einmal die Konservativen dem Zentrum Heeresfvlge versagten, dann würde die Parlamentsmehrheit aus Zentrum, Fortschritt, Welsen, Dänen, Polen und sonstigen Haßschürenden Elementen bestehen. Welches Heil für Deutschland ans dergleichen Koalitionen entsprießen würde, mag hier nur angedeutet werden. Es bedarf weder eines großen Nachdenkens noch einer reichen Phantasie, um sich als weitere Folgen die Nestituirung des Herzogs von Cumberland und der päpstlichen Herrschaft, die Störung des innern und äußern Friedens vor das Gemüt zu führen. Wir können uns bei unserm Kaiser und dessen großem Staatsmanne bedanken, daß der krasse liberale Doktrinarismus seine Triumphe mit der Zerstörung der Wohlfahrt des Volkes nicht erkaufen kann.
Die Wirkung des Wahlergebnisses für die Parteien ist ungleich wichtiger; am wichtigsten freilich für den fortschrittlichen Liberalismus. Unerschüttert aus dem Wahlkampfe ist das Zentrum hervorgegangen; jeder Hebel, seine Macht zu brechen, hat sich bisher erfolglos bewiesen und wird es wahrscheinlich noch für sehr lauge Zeit sein. Solange das Schwergewicht des Katholizismus jenseits der Alpeu liegt und für einen deutschen Wähler lediglich das bestimmend ist, was hierarchische Vaterlandslosigleit mit Hilfe und unter Mißbrauch der kirchlichen Heilsmittel befiehlt — solange wird die Macht des Zentrums ungebrochen bleiben. Nicht der Kulturkampf an sich hat diese Macht verschuldet, sondern nur der nicht zu Ende geführte Kampf. Die Auseinandersetzung zwischen Staat und Kirche mußte aufgegeben werden, als die liberale Partei begann, die wirtschaftlichen Pläne der Negierung zu durchkreuzen und das Parteiinteresse höher schätzte als die Bedürfnisse von Volk und Staat.