Beitrag 
Johannes Brahms : 3. (Schluß).
Seite
328
Einzelbild herunterladen
 

328

Paul Lindaus Mayo.

An diesen Pnnkt knüpft auch zunächst die kunsthistorische Stellung und Bedeutung von Brahms an. Sie ist dem individuellen Werte seiner Werke mindestens gleich. Uns erscheint es kurzsichtig und ganz unhaltbar, Brahms für einen bloßen Nachfolger Beethovens oder gar Schumanns auszugeben oder, wie dies jüngst auch geschehen ist, ihn für einen Vermittler dieser beiden Meister zu erklären. Zwischen Beethoven und Schumann giebt es garnichts zu ver­mitteln. Wohl aber brauchte die Tonkunst nach des letzteren Tode, in der Zeit, in welche Brahms hineintrat, einer vermittelnden Kraft. Da wogten Elemente gegeneinander und durcheinander, deren letzte Natur eine kunstverderbende war. Ans der einen Seite ein philiströser, selbstgefälliger, gedankenschwcicher Formen­kultus auf der entgegengesetzten eine hochstrebcnde, geistig bewegte, aber un­gebildete und rcnommistisch rohe Hyperromantik. Die guten Kräfte dazwischen ohne festen Halt und Direktion; die einzige gesunde und erfreuliche Erscheinung in dieser Welt voll Wirrwarr: eine liebenswürdige Klcinmeisterei. Ein Zucht- meistcr mußte da kommen, ein Künstler von umfassender, überlegener Bildung, von Genie und Charakter, der imstande war, die neuen Ideen in die Bahnen der Ordnung zu leiten und die streitenden Faktoren in einer höhern Einheit aufzulösen. Heute scharen sich die Tüchtigsten unter unsern jungen Talenten, diejenigen, welche wirklich gelernt haben, um Brahms; es giebt eine Brahmssche Schnle, die sich nicht aus dem persönlichen Unterricht, sondern aus dem Beispiel und den Werken des Meisters gebildet hat. Die alten Lager aber stehen so gut wie leer.

Rostock. Hermann Kretzschmar.

Paul Lindaus Mayo.

MAH

MU

ß^^F^?

enn im nächsten Jahrhundert, in welchem sich doch die von jedem Historiker der alten Schule geforderte, zur objektiven Behandlung einer Geschichtsepoche nötige Entfernung vom Gegenstande un­zweifelhaft vollzogen haben muß, sich jemand an die Aufgabe »vagen wird, eine Geschichte der Literatur unsrer Zeit zu schreiben kein Spekulant natürlich, sondern ein ernsthafter Geschichtschreiber, so wird er voraussichtlich so klug sein, die Nachrichten und Urteile der gleichzei­tigen Tagespresse nicht mit derselben Pietät zu behandeln, wie es kürzlich ein fleißiger Sammler in bezug auf die Äußerungen der journalistischen Kritik des' vorigen Jahrhunderts über Lessing, Goethe und Schiller gethan hat. Würde sich