Die Wurzeln des Liberalismus.
lle unsre politischen Parteien fallen mit gewissen Ständen, gewissen Klassen der bürgerlichen Gesellschaft und deren Interessen zusammen, iusofern sie die Meinungen, Doktrinen und Theorien, zu deuen sie sich bckcnucu, uach diesen Standesiuteressen praktisch anwenden, forme», färben uud zu Regeln und Gesetzen für die Gesamtheit gestaltet wisseu Wolleu. Bis zu einem gewissen Grade darf man die Konservativen als ländliche, die Liberalen in allen ihren Fraktionen als städtische Partei bezeichnen. Die letzteren entsprechen im großen und ganzen dem wohlhabenden Mittelstande und erstreben dessen Herrschaft in der Gesetzgebung und Verwaltung. Die Sozialdemokraten vertreten, soweit sie ehrlich und aufrichtig, nicht selbstsüchtige Phrasenmacher ohne Überzeugung, und soweit sie einigermaßen verständig und praktisch, nicht verrückte Negirer und Zerstörer des Bestehenden ohne positive Ziele und Zwecke sind, natürliche und vermeintliche Bedürfnisse des Proletariats, der besitzlosen Arbeiter. Die Kouservativen in ihren verschiedenen Schattirungen repräsentireu vorwiegend die Interessen des großen und eines erheblichen Teils des kleinern Grundbesitzes, die Leute des Zentrums endlich diejenigen der katholischen Geistlichkeit in ihrem Zusammenhange mit Rom und ihrem Gegensatze gegen den Staat überhaupt und insbesondre gegen den als protestantisch betrachteten neuen deutschen Großstaat. Unter den Nationalliberaleu begegnet man häufig dem Professor, bei der Fortschrittspartei dem praktischen Juristen, dem Advokaten und Kreisrichter, bei den jetzt mit ihr verschmolzenen Sezessionisten dem Wortführer der Kaufmannschaft und des Börsicmertums.
Diese Standesinteressen sind der Boden, in welchem unsre Parteien und deren Fraktionen erwachsen sind und weiter wachsen werden. Der Samen und Grenzboten III. 1LS4. 32