Interessenvertretung.
as Ansehen dieses Mannes (des Reichskanzlers nämlich) ist fast beispiellos in der deutschen Geschichte; die Kritik vermag bei einem großen Teile der Deutschen so gut wie nichts gegen die bloße Wirkung seines Namens — in die Konstatirung dieser hochcrfreu- lichen Thatsache ging die Betrachtung eines Berliner Korrespondenten über die abgelaufene Reichstagsperiode aus. Aber nicht, wie wir den Satz lesen, schrieb ihn der Verfasser, der ein treuer Schildknappe der Herren Richter und Bamberger war. Und ist die Trauer dieser Genossenschaft nicht begreiflich? Wie sie sichs sauer haben werden lassen, früh und spät gehetzt und geschmäht und verdächtigt, täglich eine neue Klippe entdeckt, an welcher das Staats- schisf unter des Fürsten Bismarck Führung unfehlbar zerschellen müsse! Die ganze Arbeit soll nun umsonst gewesen sein. Bemannung und Passagiere sind so politisch ungebildet, daß sie dem bewährten Piloten vertrauen, und so herzlos, der freiwilligen Lotsen zu spotten, welche in den schönsten Matrosenanzügen aus der „Goldnen 110" auf Deck einherstolzircn, den Zuhörern durch Erzählungen von der Seeschlangc und vom fliegenden Holländer gruselig zu machen suchen, oder aus einem Lehrbuch der Scefahrtskunde von Anno Dazumal beweisen, daß der Alte auf der Kommandobrücke seine Sache garnicht verstehe. Man scheint der Phrasen überdrüssig geworden zu sein und hält sich an Thaten. Das muß einen freisinnigen Patrioten wohl schmerzen.
Aber da hören wir unsern Mann einwenden: „Thaten? Thaten würden wir verrichten, wenn der böse Kanzler uns nur dazu kommen ließe, er selbst bethört die Menge einzig durch neue Schlagwörter und Interessen." Schlagwörter! Es ist nicht undenkbar, daß Bismarck sich in manchen Dingen der werten Brüderschaft vom Freisinn überlegen glaubt, allein so eingebildet ist er Grenzboten IH. 1884. 26