Wirtschaftliche Fragen im österreichischen Reichsrate.
er österreichische Rcichsrat hat seine Sommerferien angetreten nach einer langen, aber, wie ihm die Zeitungen ins Zeugnis schreiben, unfruchtbaren Session. Wir halten das Urteil für zu hart, denn nach unsern Beobachtungen hat dieser Abschnitt parlamentarischer Thätigkeit und Unthätigkeit manches zur allgemeinen Aufklärung beigetragen; und „Aufklärung" schätzen doch sonst gerade diejenigen besonders hoch, welche jetzt so grämliche Gesichter ziehen. Sie meinen allerdings, daß auch die Aufklärung ihre Grenzen haben müsse und daß, wenn das Volk anfange, an der Unfehlbarkeit seiner priveligirten Führer im Reichsrate und in den Zeitungen zu zweifeln, das Ende aller Dinge vor der Thür stehe. Ganze Kapitel der Klagelieder des Propheten Jeremias werden in Leitartikel umgesetzt. „Wie liegt die Stadt so wüste, die voll Volks war; alle ihre Nächsten verachten sie und sind ihre Feinde geworden. Juda ist gefangen im Elend und schweren Dienst. Ihre Widersacher schweben empor, ihren Feinden geht es wohl u. s. w." Nur die Verse, in welchen der Jammer Zions als die Strafe großer Sünden erscheint, werden übersprungen. Immerhin hat dieses alttestamentarische Pathos etwas ergreifendes, und unwillkürlich geraten wir selbst in die biblische Redeweise, indem wir uns anschicken, die Ursache der Trauer zu berichten.
Die Verfassungspartei oder jetzige Vereinigte Linke fitzt nun seit fünf Jahren an den Wassern von Babylon weinend und harret eines Kyros, welcher den Belsazer-Taaffe stürzen uud sie aus den Banden der Ungläubigen erlösen möchte. Und da sie unverwandt in die Ferne nach dem unbekannten Erretter ausschaut, kann sie freilich nicht wahrnehmen, daß ihr ein über das andremal die Gelegenheit, selbst das Werk der Befreiung zu versuchen, bequem vor die
Grmzbotm II. 1884. 72