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Alter Tratsch.
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Alter Tratsch.

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Solchen Einwänden war schwer zu begegnen. Deshalb wurde uns von Gutunterrichteten feierlich versichert, die Memoiren seien der Rache gewidmet, alle Feinde Heines, alle, die ihm jemals auf die Zehen getreten hätten, alle, die ihm cmtipathisch gewesen seien, würden darin erbarmungslos gezüchtigt, ge­schunden, begeifert. Also freue dich, geliebtes Publikum, es giebt einen große» Skandal! Du weißt, wie viel der edle Dichter in diesem Fache schon geleistet hat, aber es war alles Kinderspiel gegen das, was jetzt kommt.

Mußte da nicht unsre Erwartung auf das höchste gespannt werden? In alter Pracht sollte die große Zeit aufsteigen, in welcher das Gezänk derLite- raten" Labsal der gebildeten Welt war, die Heroen des jungen Deutschlands sich gegenseitig noch grimmiger verfolgten, als die Polizei des durchlauchtigen deutschen Bundes sie alle miteinander, einer den andern um ein Gedicht, eine Rezension" beneidete und der kranke Dichter in Paris seine jüngern Freunde anlernte, den literarischen Gegner an den schwachen Stellen seines Privatlebens anzupacken. Das ist wohl etwas lange her, wir werden die Namen der Menschen nicht mehr kennen, gegen welche Heine sein Gift ausgespritzt hat. Indessen, was thuts! Witzig war er ja stets, wir werden lachen wie über die Balgerei zweier Clowns.

Endlich sind sie da, die ersehnten Memoiren, als Supplementband von Heinrich HeinesSämtlichen Werken" bei Hoffmann und Campe in Hamburg erschienen.*) Und was steht drin? Wir fürchten, daß die Skandalsüchtigcn nicht volle Befriedigung finden, die übrigen aber sagen werden, eine schnödere Buchmachern sei noch nicht dagewesen.

Die sogenanntenMemoiren" füllen wenig mehr als hundert Druckseiten Kleinvktav. Ein so winziges Heftchen würde gar zu sehr an das Mäuschen erinnert haben, das aus dem kreißenden Berge schlüpft; wie macht man also einen anständigen Band daraus? Zunächst tritt man den alten Quark noch einmal breit:Zur Geschichte der Heineschen Memoiren" giebt achtzig Seiten; dann hängt man an: Varianten zu den Memoiren, hochwichtige natür­lich! fernerHelgolünder Briefe," zwar bekannt, aber von Heine als ein Stück seiner Memoiren bezeichnet, folglich hier nicht zu entbehren endlich gereimte und ungereimte Einfälle, welche Heine selbst nicht hat drucken lassen wollen, oder welche wenigstens des Druckes nicht wert sind endlich Briefe, die zum Teil schon anderweitig publizirt waren oder ohne Schaden hätten un- publizirt bleiben können; das alles giebt abermals 150 Seiten, und so kommen fast 23 Bogen heraus. Mehr kann man nicht verlangen.

Gottfried Keller äußerte bei der Publikation seiner köstlichen SatireDer Apotheker vou Chamounix" Bedenken, ob sie nicht zu spät komme. Jetzt wird

*) Memoiren und neugesannnclte Gedichte, Prosa und Briefe. Von H. Heine. Mit Einteiln»« herausgegeben von E. Engel. Hambnrg, Hosfnumn Ä Ccunpe.