Das Deutsche Theater in Berlin.
die Broschüre des Herrn Schlenthcr glatt geschrieben war und auch sonst in der Form keinen Angriffspunkt bot, während der erste schriftstellerische Versuch des Herrn Alberti an Geschmacklosigkeit und Ungeschick nichts zu wünschen übrig läßt. Der „Börsenkonrier" hätte also garnicht nötig gehabt, aus zärtlicher Besorgnis für seinen Schützling eine ängstliche Miene aufzusetzen, als die Kunde von dem Erscheinen dieser Broschüre m die Öffentlichkeit drang. Offenbar haben die Lorbern des Herrn Paul Lindau dem Verfasser derselben die Nachtruhe geraubt. Die Manier, sich unter dem Mantel einer fingirten Korrespondenz in dem saloppsten Plauderstile gehen zu lassen, ist längst in Mißkredit gekommen, und auch das Motto von den „goldnen Rücksichtslosigkeiten" hat seine Bedeutung verloren, seitdem Herr Lindau in dem Altersvcrsorgungsinstitut eines großen rheinischen Blattes lammfromm geworden ist. Heutzutage noch Herrn Lindau nachzuahmen, kommt beinahe auf eine Fälschung von Antiquitäten hinaus. Um eine Probe von dem Witze des Herrn Alberti zu geben, zitiren wir nur zwei Stellen. Auf S. 12 schreibt er: „Herr L'Arronge Hütte gar zu gern den berühmten König der Reklame, Herrn Barnum, für sein Unternehmen gewonnen, allein da dieser voraussichtlich nicht zu gewinnen war, wandte er sich an Herrn Barnay," und aufS. 57: „Herr L'Arrouge besitzt hoffentlich selbst kaum den Köhlerglauben, daß er jemals durch künstlerische Thaten floriren werde," wobei zum Verständnis dieses Witzes zu bemerken ist, daß am „Deutschen Theater" ein Schauspieler namens Köhler und zwei Schauspielerinnen namens Thäte und Flor thätig sind. Mau sieht, daß Herr Alberti mit bestem Erfolge iu die Schule Oskar Blumenthals gegangen ist, wofür er sich auch erkenntlich zeigt, indem er mit der beneidenswerten Unbefangenheit der Jugend Vlumenthals „Probepfeil," ein Gemisch von Feuilleton und Räubergeschichte, das „beste deutsche Lustspiel seit Frcytags Journalisten" nennt. Wenn wir auf S. 5 einen Satz lesen wie: „Ich finde beim besten Willen nicht den hellsten Schatten eines Grundes," wenn auf S. 21 von einer „unendlichen Feile" (vermutlich dem Seitenstück zu der Schraube ohne Ende) und auf S. 23 von einem „Strudel der Begeisterung" die Rede ist, so kann man nach solchen literarischen Vorbildern und solchen Stilprobeu nur erstaunt sein, Herrn Alberti nicht in der Gefolgschaft des „Deutschen Theaters" zu finden, wo er weit besser am Platze wäre als in dem Lager der Gegner.
Unter diesen Umständen wird man dem sachlichen Inhalte der Broschüre, auch da, wo er begründet ist, kein Gewicht beilege» dürfen. Wo ein solches Schwanken des Urteils vorhanden ist, fehlt überhaupt die Legitimation, in ernster Diskussion ein Wort mitzureden. Daß die Entwicklungsgeschichte des „Deutschen Theaters" einen so kläglichen Verlauf genommen hat, liegt ebensosehr an den Personen, welche dabei in Frage kommen, als an dem ganzen System, welches durchaus nicht mit demjenigen identisch ist, durch welches das ?1i6S.tr<z trsmygäs in Paris seine dominirendc und tonangebende Stelln»g