Gladstone und die parlamentarische Beredsamkeit.
ur mit knapper Not ist das liberale Ministerium in London vor einigen Tagen einem Tadelsvotum des Unterhauses entgangen, das ihm wegen seiner Politik im Sudan drohte, und das, wenn es durchgegangen wäre, nach englischem Brauch den Rücktritt der Minister vom Amte zur Folge gehabt haben würde. Nicht mehr als achtundzwanzig Stimmen betrug das Plus, welches den Ausschlag für die Firma Gladstone uud Kompagnie gab, und mit Bestimmtheit darf behauptet werden, daß nicht der zehnte Teil der Herren, welche durch ihr „Nein" den Antrag von Hicks-Beach zu Falle brachten und so den Kabinctsmitgliedern noch einmal ihr Portefeuille retteten, der Überzeugung gewesen sind, damit der Gerechtigkeit zu dienen und im Sinne der Mehrheit ihrer Wähler zu handeln. Solche hohle und innerlich bedeutungslose Abstimmungen sind aber in der letzten Zeit im Hause der Gemeinen nur zu gewöhnlich geworden. Alle, die Sieger wie die Unterlegenen, wissen ganz genau, was dieselben eigentlich bezwecken, und geben sich kaum Mühe, vor dem Auge der öffentlichen Meinung zu verbergen, daß sie es wissen. Man sah sich an mit dem bekannten Augurenblick, als das Haus an dem betreffenden Morgen mit jener dürftigen Majorität die Erklärung abgab, es billige eine Politik, die kaum von andern als Ministern ernstlich verteidigt worden war, uud von der man deutlich sühlte, daß die Nation sie mit Entrüstung verurteilt. Indes hat die Opposition Ursache, sich über ihre Niederlage zu trösten. Die Posse der Abstimmung wird Gladstone nach der Lektion, die ihm die Debatte erteilte, kaum mehr darüber täusche», daß es mit seiner Sache übel steht. Wir meinen damit nicht so sehr die starken Wahrheiten, welche Redner wie Lord Churchill, Chaplin, Laing und Goschen bei dieser Gelegenheit den Ministern ins Gesicht sagten, wir denken nicht sowohl an den Grenzboten II. 1884. 52