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Liederbuch des deutschen Volkes. Herausgegeben von Carl Hase, Felix Dahn und Carl Reinecke. Neue Auflage. Leipzig, Breitkopf Hnrtel, 1883.

Als Hoffmnuu von Fallerslebeu 1369 zum dritten und letztcu male seiu prächtiges Buch „Unsre volkstümlichen Lieder" aussandte, erging er sich in einem Nachwort in folgenden Klagen:

„Es ist eine betrübende Erscheinung, daß diejenigen Schriftsteller, von welchen wir glaubten, daß ihnen mit unserm Buche am meisten gedient sein müßte, sich um dasselbe nm wenigsten bekümmern. Vor nun beinahe zehn Jahren erschien mein Büchlein »Unsre volkstümlichen Lieder« in zweiter Auflage, ich habe aber uicht gemerkt, daß es bis jetzt von sonderlicher Wirkung gewesen ist: die Sammler von Liedern Verfahren meist alle noch immer auf dieselbe unverantwortliche Weise wie ihre Vorgänger. Man schlage mir eine beliebige Sammlnng auf, da findet man schlechte, oft ganz verstümmelte Texte, unrichtige Angaben über die Verfasser­schaft oder, was am Ende noch das bessere ist, gar keine. Niemandem fällt ein, zu den Quellen zurückzugehen uud den wahren Verfasser zu ermitteln, und beides wäre ihm doch hier bequem genug gemacht. Uud das gilt nicht allein von den vielen Kommers- und Liederbüchern und den vielerlei Sammlungen für die Schul­jugend, sondern auch von den Blumenlcsen, die unter allerlei hochklingenden, viel­versprechenden Titeln in Prachtvollen Einbänden mit Goldschnitt, oft sogar mit teuren Illustrationen, nebenbei auch wohl unter einem beliebten Schriftstellcrnamen erscheinen und so auf den Weihnachts- oder Putztisch wandern. Ein guter Kauf­mann liefert gute, reine Ware, aber unsre Anthologcn oder mehr noch ihre Brot­herren nehmen das nicht so ängstlich, beide verlassen sich aufeinander, jene suchen mit ihrem Namen, diese mit ihrer Firma für die Vortrefflichkeit ihrer Erzengnisse einzustehen (die Flagge deckt die Ladung!) und beide wissen dann noch, durch willfährige Tagcsschriftsteller uud eigne kostspielige empfehlende Anzeigen das Publikum anzulocken. . .. Doch man muß so vieles im Leben thun, dessen Erfolg man nicht erlebt, und so mag es denn auch mit meiner Arbeit sein, die bei aller Mühe doch für mich die Freude des Suchcns nnd Findens und so vorläufig auch Lohn genug hatte."

Seitdem sind wieder fünfzehn Jahre dahingegangen, und noch immer haben die Klagen Hvffmanns ihre Berechtigung. Auch der vorliegenden Sammlnng gegenüber. Es ist ja gewiß erstaunlich, wenn für den billigen Preis von drei Mark tausend Liedertexte und zu den meisten überdies noch Singweiseu geboten werden, uud dies alles in einem handlichen Bande übersichtlich geordnet, durch drei Registerthüren bequem zugänglich gemacht und auf gutes Papier gut und deutlich gedruckt. Aber wie steht es um die Beschaffenheit der mitgeteilten Texte? Mnß es einen uicht eigentümlich berühren nnd stutzig machen, wenn man sofort beim ersten Aufschlagen auf der ersten Seite den Anfang des bekannten plattdeutschen Kinder- liedchcns: „Buko von Halberstadt, bring unserm kleineu Kindchen was" (plattd. wat) in folgender Form findet: „Bukkv von Halberstadt, bring doch meinem Kind was mit (!), und dann in der Fortsetzung: „Was soll ich ihm denn bringen? Rote Schuh mit Ringen, rote Schnh mit Gold beschlagen" die urkräftige und un­zweifelhaft originale Anaphora abgeschwächt und verfälscht findet zu: „Rote Schuh mit Ringen, schöne (!) Schuh mit Gold beschlagen"?

Es ist von dem Verfasser einer Buchanzeige nicht zu verlangen, daß er eine Sammlung von tauseud Liedern auf ihre Korrektheit hin prüfe; er wird sich auf