Der Hprachenstreit in Österreich.
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egen Ende der sechziger oder zu Anfang der siebziger Jahre veröffentlichte der tschechische Gelehrte Pnrkyn > eine Broschüre unter dem Titel ^.ustrig, xol^glott^ Die s. Z. wenig beachtete Schrift behandelte das Thema, welches kürzlich im österreichischen Reichsrate soviel Staub aufwirbelte. Ich besprach damals die Flugschrist in einem Feuilleton der Neuen freien Presse. Pnrkynö bestrebte sich, die vollkommene Gleichberechtigung aller österreichischen Nationalitäten und ihrer Sprachen bis in die letzten Konsequenzen darzuthun. Er erkannte in der „Liebe und gegenseitigen Achtung aller Volksstämme" des vielsprachigen Reiches das einzige Mittel, den Hader endgiltig zu schlichten. Zu diesem Zwecke sollte jeder Österreicher sämtliche Sprachen der Monarchie erlernen, um mit jedem Staatsgenossen in dessen Muttersprache verkehren zu können. Zum Schlüsse konnte Purkynö freilich nicht umhin, zu gestehen, daß über der allgemeinen Sprachen- lernerei denn doch viel kostbare Zeit verloren gehen dürfte. Reiche mit einheitlicher Sprache würden daher das vielsprachige Österreich im Kulturfortschritte bald überholen, und schließlich müßte sich das Gefüge des Staates lösen, um neuen politischen Gebilden Platz zu machen.
Die lange Reichsratsdebatte über die österreichische Staatssprache hat mir die verschollene Schrift wieder ins Gedächtnis gerufen. Wenn der Staat keine „Staatssprache" haben soll und darf, so bliebe, falls jedem Österreicher ohne Unterschied der Nationalität auch in Zukunft in jedem Kronlande die öffentlichen Ämter zugänglich sein sollen, in der That nichts übrig, als zu dem von Purkynö empfohlenen Rezepte zu greifen. Da dieses Rezept jedoch materiell nicht zur Anwendung gebracht werden kann, so komplizirt sich die Frage, wie ein Polyglotter Staat ohne Staatssprache verwaltet werden könne, falls man ihn Grmzboten I. 1884. 61