pompcjanische Spaziergänge.
451
16. Gedankenleere und Seichtheiten sind möglichst ganz auszuschließen.
17. Man soll jeden Gedanken nicht nur von einein Punkte, sondern von allen Seiten aus betrachten, um fähig zu sein, diejenige Auffassung auszuwählen, welche sich dem gesunden Menschenverstände als die angenehmste darstellt.
13. Dichterische Schilderungen und Phantasien sind zu vermeiden, um nicht in fremde Gehege zu geraten.*)
19. Es ist wünschenswert, daß der Verfasser seine Persönlichkeit verberge, daß es überall sein Werk sei, was vor Augen tritt, nicht aber er selbst, und daß sein Schaffen nirgends bemerkbar werde; zu diesem Zwecke wird ihm geraten, so zu sprechen, als ob nicht er dies thue, sonst werden sein Geist und seine Dummheit den Lesern gleich lästig fallen.
Dies schreibe ich bei voller Besinnung und gnuzer Gesundheit.
^/e>U4Ä
SMT
"Z^OÄ
pompejanische ^paziergänge.
von Ludwig Meyer. 4.
ehen wir uns die pompejanischen Wandgemälde etwas näher an, so überrascht uns die Beobachtung, wie sehr sie gewissen Dichtungen aus der großen Zeit der römischen Literatur gleichen, besonders denen der Elegiker und der Didaktiker, welche die Götter- und Heldensage und die Liebe besingen. Bei den Dichtern wie bei den Malern wiederholen sich immer die gleichen Stoffe, und auch die Art der Behandlung ist bei beiden eine ganz ähnliche. Beide geben mit Vorliebe den gleichen Empfindungen Ausdruck; sie streben nach den gleichen Vorzügen und verfallen in die gleichen Fehler. Müssen wir daraus schließen, daß die Maler ihre Anregungen aus den Dichtern schöpften und deren Werken die Stoffe zu ihren Bildern entnahmen? Wir werden sogleich sehen, daß dies durchaus nicht der Fall ist, und daß sich leicht nachweisen läßt, wie sie der Literatur von Rom fast gänzlich fremd geblieben sind. Ist im Gegenteil anzunehmen, daß es die Dichter sind, welche die Maler nachgeahmt haben? Diese Voraussetzung wäre nicht viel wahrscheinlicher und ist jedenfalls unnütz. Es läßt sich alles viel einfacher erklären: wenn sie einander gleichen, so kommt dies daher, daß sie aus derselben Quelle schöpften; Maler und Dichter
*) Der Kaiserin war dichterische Begabung versagt; bedürfte sie der gebundenen Rede, ö> B. in ein paar Opern, die sie schrieb, oder in andern Schriften, so mußten ihre Sekretare die nötigen „Verse machen."