Zur Lutherfeier.
von einein Lutheraner.
or vierundzwanzig Jahren feierte das deutsche Volk mit allgemeiner Begeisterung den hundertsten Geburtstag Schillers. Im gegenwärtigen Jahre steht uns die Feier von Luthers vierhundertstem Geburtstag bevor. Wird die Begeisterung eine gleiche sein? — Was ist Schiller gegen Luther? Ohne Zweifel hat der Dichter auf unsre nationale, ästhetische und politische Entwicklung einen weitreichenden Einflnß geübt. Über Luther aber konnte Döllinger, eine katholische Autorität ersten Ranges, sagen: „Es war seine überwältigende Geistesgröße und wunderbare Vielseitigkeit, welche Luther zum Manne seiner Zeit und seines Volkes machte; und es ist richtig: es hat nie einen Deutschen gegeben, der sein Volk so intuitiv verstanden hätte und wiederum von der Nation so ganz erfaßt, ich möchte sagen, von ihr eiugesogeu worden wäre, wie dieser Augnstinermönch in Wittenberg. Sinn und Geist der Deutschen war in seiner Hand, wie die Leier in der Hand eines Künstlers. Hatte er seinem Volke doch auch mehr gegeben, als jemals in christlicher Zeit ein Mann seinem Volke gegeben hat: Sprache, Volkslehrbuch, Bibel, Kirchenlied; und alles, was die Gegner ihm zu erwiedern oder an die Seite zu stellen hatten, das nahm sich matt und kraft- und farblos ans neben seiner hinreißenden Beredtsamkeit. Sie stammelten, er redete. Nur er war es. der der deutschen Sprache, dem deutschen Geiste das unvergängliche Siegel seines Geistes aufgedrückt hat. und selbst diejenigen unter den Deutscheu, die ihn von Grnnd der Seele verabscheuen als den gewaltigen Jrrlehrer uud Verführer der Nation, können nicht anders, sie müssen reden mit seinen Worten, müssen denken mit seinen Gedanken."*)
Dies Urteil eines Katholiken aber muß der Protestant noch wesentlich vertiefen und erweitern. Dem Protestanten gilt der große Reformator als der Geburtshelfer der modernen Weltanschauung. Ist er doch der Befreier des Geistes. Herzens und Gewissens von aller Menschensatzung, der Zerbrecher des geisttötenden Joches der Formel und des Buchstabens, der Erneuerer der wahrhaft christlichen Sittlichkeit, welche aus der innersten Überzeugung erwächst anstatt jener Verflachung uud Veräußerlichuug durch die sogenannten guten Werke, die von einem Nebenmenschen auferlegt, vvu menschlicher Autorität ihrem Werte und ihrer Wirkung nach geschätzt werden. Luther gräbt das reine Evangelium aus all dein Schutt und Kehricht der Jahrhunderte hervor. Er macht den evangelischen
*) Bergt. M. Bnnmgnrten. Eine deutsche Reveille. Rostock, Hiustorff. 1383.