Die Grafen von Altenschrverdt.
Roman von August Niemann (Gotha). (Fortsetzung.)
räfin Sibylle warf einen befriedigten Blick auf das junge Paar, welches in ihrer Nähe vor einem Van Dyck stand und ganz in die Schönheit der Darstellung einer Reitergruppe im Schatte» hoher Eichen vertieft erschien. Sie äußerte zu ihrem Begleiter den Wunsch, einen Augenblick zu ruhen. Der Barou schob ihr sogleich einen Stuhl mit hoher, gerader Lehne herbei und ließ sich selbst an ihrer Seite nieder, zufrieden, daß sein vom Treppensteigen angegriffenes Bein die ersehnte Erholung fand, ohne daß er nötig gehabt Hütte, seine Schwäche einzugestehen.
Ein echter Sextus, sagte die Gräfin, mit dem Fächer auf das Porträt eines Herrn im spitz nach unten zulaufenden Harnisch und mit etwas bärbeißiger Physiognomie deutend. Wie sich die einer Familie charakteristischen Züge doch durch alle Wechsel der Zeiten hindurch lebendig erhalten können! Dieser Stolz des Auges, dieser Adel der Kopfhaltung!
Es wäre einem minder entzückten Beschauer, als Gräfin Sibylle zu sein schien, vielleicht so vorgekommen, als ob das Gesicht des alten Herrn etwas eigensinnig aussähe und die Haltung seines Kopfes durch den Druck der enormen gesteiften Halskrause bedingt sei, aber Gräfin Sibylle hatte dasselbe Bild in ganzer Figur schon in der Halle gesehen und dort vernommen, es stelle den Urgroßvater des Barons Sextus vor. Sie konnte diese ehrwürdige Gestalt nicht anders als bewundernswert finden, und wenn sie den Zweck hatte, den Baron dadurch zu erfreuen, daß sie den Typus seiner Familie sofort zu erkennen imstande war, so erreichte sie ihren Zweck vollkommen.
Es waren gesundere Zeiten, als jener ritterliche Herr noch im Sattel saß, sagte er seufzend. Damals konnte noch ein Mann von klarem Kopf und festem Herzen, der inmitten seines ihm von Gott gegebenen Lebenskreises durch Geburt Grenzboten II. 1883. 6