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Die deutsche und die französische Volksdichtung.
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Die deutsche und die französische Volksdichtung.

bloß die Meinung eines einzelnen in sich, sondern, und darin liegt ihre Be­deutung, die Anschauung der überwiegenden Mehrzahl der gebildeten Klasse» Deutschlands. Wohl ist sich der Deutsche freudigen Stolzes bewußt, daß ihm in seiner Volkspoesie ein Schatz überkommen ist, so reich wie keinem zweiten Volke auf der Welt. Allein gerade die Lebhaftigkeit, mit welcher er seine Vor­züge auf diesem Gebiete empfindet, hindert ihn auf der andern Seite zuzu­gestehen, daß auch das leichtlebige Volk der Franzosen eine echte, wahre Volks­poesie besitzen könne, welche sich nn Tiefe, Zartheit und Innerlichkeit mit der deutschen auch nur entfernt vergleichen ließe. Diese Anschauung taucht nicht bloß in der flüchtigen Unterhaltung des Tages auf, sie macht sich in voller Schärfe auch in literarischen Erzeugnissen geltend, wie dies z. B. eine Stelle in B. Schwarz' Reiseerinnerungen aus Algier und der Sahara beweist, wo auf diese vermeintliche klaffende Lücke der französischen Dichtung mit den Worten hingewiesen wird:In dem schillernden Garten der französischen Geistesblüten, in ihrer an so manchen herrlichen Erzeugnissen reichen Literatur sehlt eins, das herrlichste von allen, das kleine, aber so unvergleichlich duftende Veilchen, welches in Deutschland seit alter Zeit an allen Zäunen und Hecken gedeiht das Volkslied."

Wie sollten wir auch zu andern Anschauungen kommen? Thun doch Schule wie Leben gleichmäßig das ihre, um uns von dieser Seite der französischen Dichtung nichts ahnen zu lassen. Die Schule, indem sie bei der ihr zugemessenen Zeit ihre Aufgabe darin erkennt und auch erkennen muß, uns mit der klassischen Dichtung bekannt zu machen, also mit einer Gattung, welche im Französischen einen wesentlich rhetorischen, der Völksdichtung geradezu entgegengesetzten Cha­rakter trägt; das Leben, indem es, auf die Leidenschaften der menschlichen Natur spekulirend, aus gewinnsüchtigen Gründen uns die Kenntnis einer Seite der fran­zösischen Literatur vermittelt, welche die besser» Geister Deutschlands wie Frank­reichs gleichmäßig verurteilen, welche aber durch ihre weite Verbreitung in Deutschland das Vorurteil genährt hat, als könnten unter dem Himmel Frank­reichs nur solche giftigen Früchte zur Reife gedeihen, als sei dem Franzosen eine Poesie versagt, in welcher sich vor allem das ausprägt, was wir Deutschen so gern mit dem Worte Gemüt bezeichnen. Ist es nicht das Gemüt, das deutsche Gemüt, welches, wie die Sonue der Landschaft, so auch der Volksdichtung erst Licht, Farbe und Reiz verleiht? Wie aber sollte der Franzose eine gleich der unsrige»aus der Tiefe des Gemüts" quellende Poesie besitzen, wenn ihm, wie man nicht müde wird zu wiederholen, selbst das Wort dafür fehlt? Hat man nicht aus deni Fehlen dieses Wortes geistreiche Schlüsse auf den Charakter des Franzosen wie auf den Charakter seiner Volkspoesie ziehen wollen? Wie aber, wenn man sich in dieser Annahme täuschte, wenn der Franzose doch ein Wort besäße, welches dieweiche Innerlichkeit des psychischen Menschen" trefflich malte: lös öntrs-illes? Ist es denn seine Schuld, wenn dieses Wort noch immer nicht