T a g e b u ch.
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Aus Wie».
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Die Ccnsorstcllcn. — Der „gemüthliche" Seidel. — Dichter und Beamte. — Deutsche Censurprincipien und österreichische. — Sträube. — Wallcnstein's aufgefundene
Privatkanzlci.
Die erledigten Ccnsorstellen, von denen in diesen Blättern bereits Erwähnung geschah, haben nun ihre Leute gesunden; drei davon sind definitiv und eine ist provisorisch besetzt worden. Der namhafteste unter den Neuerwähltcn ist Johann Gabriel Seidel, der „gemüthliche" Lyriker, der schon seit mehreren Jahren provisorisch die Büchcrcensur, namentlich über ausländische Werke versieht. Die von ihm gefällten Urtheile in dieser Beziehung verdienten gesammelt und einer Gesammtausgabe seiner Dichtungen bcigegcbcn zn werden; sie wären ein pikanter Beitrag zur Charakteristik seiner Phantasie. Man hat Seidel vor einigen Jahren todt gesagt und Mcnzcl hat ihm, wenn ich nicht irre, einen Nekrolog geschrieben; ich glaube, jetzt wäre dieser ganz an der Zeit. Ich weiß sehr wohl, daß, wenn es nicht Seidel wäre, hätte sich ein Anderer zn dem Amte gefunden. An einen Beamten, der in der Ausübung seiner gesetzlichen Pflicht seinen Beruf findet, würden wir keinen so strengen Maßstab legen. Die Censur besteht nun einmal gesetzlich bei uns, wir dürfen nnd müssen gegen das Princip protestircn, der Beamte selbst aber, in so weit er nicht Böswilligkeit zeigt und über die ihm vorgeschriebenen Regeln augcndienerisch ansgrcift, ist nicht Gegenstand unserer Attaque; irre ich nicht, so haben die Grenzbotcn immer diese Politik beobachtet. Wenn aber ein Dichter, ein Mann, der in der freien Selbstbestimmung des Geistes seinen Beruf suchte, zu einem solchen Amte sich drängt — znmal zur Handhabung unserer Vorschriften, welche die Nachahmung unserer edelsten nnd größten Dichter, das Nachstreben Schiller's, Goethe's, Herder's und Lcssing's, conseauenter Weise ausschließen müssen — wer sollte nicht den Stab über ihn brechen? Von dem Dichter darf man verlangen, daß er gegen die Ausdehnung eines Ccnsurgc-