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Skizzen aus unserm heutigen Volksleben.
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Skizzen aus unserm heutigen Volksleben.

von Fritz Anders.

ie ein Feldherr die Schlacht von einem strategische» Punkte in weiter Ferne verfolgt, so hat man sich gewöhnt, die Dinge des täglichen Lebens von weiten Gesichtspunkten aus zu beurtheilen. Die eoncreten Dinge werden auf ein statistisches Schema gebracht und zu Negiernngsberichten, Debatten und Zeitungsartikeln ver­werthet, je nach dem Standpunkte dieses Abgeordneten oder jenes Beamten. Darum wollen denn auch die aus der Ferne fabricirten Gesetze dem Volke nie recht auf den Leib Passen, darum gehen die Urtheile über die thatsächliche Lage der Dinge so himmelweit auseinander. Ich beabsichtige in den nachfolgenden Skizzen in dies eoncrete Leben zu führen, das heißt ein paar Blätter aus meiner Sammelmappe vorzulegen, die einfach nach der Natur gezeichnet sind. Der ge­neigte Leser möge sie sich ansehen, wie man den Charakterkopf eines alten Bauern oder Holzknechtes oder Gänsejungen anschaut und darin vielleicht Interessanteres findet, als in weitsichtigen ethnologischen Erörterungen.

1. Gustav Schwamm, atias Neumann, a,Iias Zeidler.

Der Herr Bürgermeister war ein guter, freundlicher Herr, er war seiner Zeit tüchtiger Berwaltungsbecunter gewesen, aber alt und ein wenig stumpf geworden; auch konnte er sich in der neuern Gesetzgebung nicht zurechtfinden. Da jedoch die Bürgerschaft sich ihm zu Dank verpflichtet fühlte, so hatte sie des alten Herrn Pen­sionsgesuch nicht angenommen, sondern ihm einen jungen Juristen als zweiten Bürger­meister und besoldeten Stadtrath zur Seite gestellt. Dieser letztere, natürlich ein Mann von zweifelloser Gesimmngstüchtigkeit, hatte sein Amt mit dein Bewußtsein übernommen, daß er voll und ganz auf dem Boden dieser neuern Gesetzgebung stehe, und daß nunmehr unter seiner Leitung der Geschäfte eine neue nnd glück­lichere Aera der städtischen Verwaltung angebrochen sei, umsomehr als er die wich­tigen Decernate der Polizeiverwaltung und des Armeuwesens übernommen hatte. So fühlte er sich denn durchaus an ta.it. Warum auch nicht? Ein Jurist, besonders ein junger, weiß ja alles, da er allem, was da kreucht und fleucht, sein rechtliches Schubfach anzuweisen gewöhnt ist. Der alte Herr aber war weit entfernt, gegen solche Ideen Einwendungen zu machen, er nahm seine Prise, lächelte freundlich und schwieg.

Der Herr Stadtrath hatte acht Wochen furchtbar gearbeitet, um den vorgc- fundnen Augiasstall auszuräumen, hatte einige hundert neue Actenschwänze anfertigen lassen, hatte eingreifende Aenderungen im Journal verfügt und den Herren Schreibern und Calculatoren einen heilsamen Schrecken beigebracht. Da ereignete sich folgendes.

Der HerrAssessor" kam vom Frühschoppen nach Hanse und fand sein ganzes Hauswesen in Aufruhr; seine Frau war außer sich. Als sie nämlich in ihr Schlaf- gcmach getreten war, um nach dem lieblichen Bruno zu sehen, lag etwas in der