256 Der Streit um Tunis.
sittlichen und intellektuellen Capitales willen, das in dem Liberalismus angelegt ist, in hohem Grade zu bedauern. Ertragen aber würde die deutsche Nation doch noch eher den Verlust dieses Capitals als seine Verwendung und gesteigerte Wirksamkeit in einer verderblichen Richtung.
MWMM
Der streit um Tunis.
ie orientalische Frage ist unsterblich. Sie ist eine Hydra mit hundert Köpfen. Kaum scheint sie in Gestalt des griechisch-türkischen Grenzstreites nach langen Anstrengungen der Mächte und vielem Widerstreben der beiden Parteien gelöst und von der Tagesordnung verschwunden, so taucht sie als tunesische Frage wieder am Horizonte aus und wird, anfangs nur ein schwarzer Punkt, täglich größer und zuletzt eine Wolke, die nach Gewittern aussieht.
Tunis ist ein entferntes Land, und Fragen, die dort spiele», scheinen uns wenig anzugehen. Bei der Stellung indeß, welche das heutige Deutschland in der europäischen Staatengrnppe einnimmt, ist keine politische Frage für uns völlig gleichgiltig, also auch diese nicht, zumal da sie für zwei von unsern unmittelbaren Nachbarn von großer Bedeutung ist, und so werden wir uns mit ihr einigermaßen eingehend beschäftigen müssen.
Das Beylik Tunis ist ein Vasallenstaat des türkischen Reiches, der, ungefähr 2500 Quadratmeilen groß, in Nordafrika liegt und im Westen von Algerien, im Norden und Osten vom Mittelmeer und im Süden von Tripolis und der Sahara begrenzt wird. Der etwa 125 Meilen lange Küstensaum ist im Osten flach und sandig, im Norde» meist bergig, indem der Atlas das Land in langen Ketten mit breiten Thälern durchzieht. Die See tritt in zahlreichen tiefen Buchte» unter schroff abfallenden Vorgebirgen in das Land hinei». Der Süden gehört zur Steppe von Bileduldjerid und wird zum Theil von Salzseen eingenommen. Die fließenden Gewässer haben meist einen kurzen Lauf und sind nicht schiffbar, der größte Flnß ist der Medjerda, der dem Bugrades der Alten entspricht. Die zum Betriebe der Landwirthschaft geeigneten Gegenden sind großentheils sehr fruchtbar und reich an Vieh. Man erbaut Getreide, Oel, Südfrüchte und etwas