Line nationale Krankheit.
1.87
diejenigen, welche es als ein eigenhändiges Werk des Meisters aus seinen frühern Jahren proelamiren. Gegen die erster» spricht schon die Thatsache, daß sich in der Gemäldegalerie in Gvtha eine Copie des Bildes befindet, die noch aus dem 17. Jahrhundert herrührt. Daß die Direetoren der Berliner Galerie zu der zweiten Kategorie gehören, ist nur zu erklärlich, da allein durch unbedingtes Festhalten an der vollständigen Ausführung des Bildes durch Rubens selbst der dafür gezahlte Preis von 200 000 Mark gerechtfertigt werden kann.
Aber selbst wenu nachgewiesen werden könnte, daß Rnbens einen großen Antheil an dem Bilde gehabt hat, der über die Erfindung hinaus auf eine Ausführung der Hauptpartieen von seiner Hand auszudehnen wäre, was mir jedoch nicht wahrscheinlich ist, fo wird mir und mit mir der Majorität der Künstler und des Publicums niemand die Ueberzeugung aufdrängen tonnen, daß die Berliner Galerie um ein schönes, für den Meister charakteristisches und seiner würdiges Bild bereichert worden ist.
Berlin. Adolf Rosenberg.
Eine nationale Krankheit.
n frühern Zeiten pflegte man dem Deutschen nachzurühmen, daß er das Familienleben besonders hochhalte und daß, während die Frau wirthschaftlich und sorgsam im Hause walte, der Mann neben seinem Amte oder Geschäft seine Zeit vor allem der Erziehung seiner Kinder widme. Es mag einmal eine solche Zeit gegeben haben, für einen großen Theil Deutschlands ist sie gewiß längst vorüber. Nur das Dogma ist übrig geblieben. Je weniger aber dies der Wirklichkeit entspricht, um so hartnäckiger wird es verfochteil, um so erbarmungsloser das Anathema gegen den anders denkenden Ausländer geschleudert uud um so wohlgefälliger die Genugthuung ausgesprochen, die der Deutsche haben müsse, wenn er gegenüber slavischer Sittenlosigkeit oder romanischem Verfall die reichen Segnungen betrachte, die täglich zum Heile der Nation aus einem innigen Familienleben hervorgingen. Und doch müssen wir einer solchen optimistischen Auffassung gegenüber festhalten: das deutsche Familienleben, das man als einen Nati- vnalvorzug rühmt, ist eine Fabel, eine Fabel wie die viel gepriesne deutsche