Neue Dramen.
135
Frauen von Schorndvrf ist hier mit spannendein Verlauf, mit frischem Leben, ohne possenhafte Auffassung, ja wie uns scheint, an ein paar Stellen mit allzuscharfer Betonung des tragischen Conflicts, der in ihr liegt, zu einem trefflich gesteigerten, rasch verlaufenden Schauspiel gestaltet, bei dem, wie billig, die Erfindung des Dichters das beste gethan hat. Nicht gleich hoch können wir das vaterländische Schauspiel „Prinz Eugen" von Martin Greif (Casfel, Verlag von Theodor Kay) stellen. Es ist ohne Zweifel das Werk eines Poeten, bezeugt einen Drang zu großer Gestaltung und patriotischem Pathos, zeigt sich aber andrerseits von gewissen Ueberlieferungen des Theaters, Rollcnschabloncn und rhetorischen Exercitien in einer Weise abhängig, die bei guter Darstellung nicht zum Bewußtsein kommen mag, aber dem Leser deutlich wird.
Verwunderlich bleibt so vielen Versuchen und Anläufen gegenüber eine Thatsache. Jahraus, jahrein versichert unsre reale Bühne, daß sie eine deutsche Komödie, ein Schauspiel aus unsern Sitten, Zuständen und Empfindungen heraus nöthig habe und von der kritischen Hochwacht schauen zahlreiche Späher und Seher nach einem „deutschen Sardou", nebenbei gesagt ein Wider- und Unsinu, aus. Nun wissen wir recht gut, daß, wo sich ein Poet ans diesen Pfad begiebt, ihm dieselbe kalte Gleichgiltigkeit oder dieselbe Ueberreiznng der Forderungen begegnet, die „epochemachende," „phänomenale" Schöpfungen begehrt und sich schließlich mit dem „sensationellen" Erfolg eines theatralischen Effectes begnügt. Aber die Forderung bleibt nichtsdestoweniger in ihrem Recht. Und da unsre dramatischen Poeten so tapfer fortfahren, ihrem Dränge zu genügen, um Gunst und Ungunst des Theaters unbekümmert, so sollten sie wirklich ihren Blick mich der modernen Welt zuwenden und es nicht einem geistesfrischen Veteranen wie dem alten Bauernfeld ganz allein überlassen „Aus der Gesellschaft" zu dichten. Uns dünkt das Leben der Gegenwart biete Handlungen, Confliete, Gestalten in reichster Fülle und wenn es einmal nicht auf die Darstellung ankommt und wir dein Zetern über Buchdramen doch wieder und wieder Trotz bieten, wäre es vielleicht ersprießlich, wenn sich diesem Leben Blicke und gestaltende Kräfte zuwenden wollten. Hier wäre auch am ehesten Aussicht, die Kluft zwischen dramatischer Production und Bühne doch noch zu füllen und wenn nicht heute so morgen der Schauspielkunst Aufgaben zu stellen, bei denen sie realistisch bleiben nnd sich doch über die naturalistische Verwilderung des Augenblicks erheben kann. Fromme Wünsche ohne Zweifel — aber warum solleu alle fromme Wünsche den Herren Direetoren uud Regisseuren zu Liebe verpönt sein?!