508
Altenglischc Dramatiker.
werth.*) Die auf fünf Dramatiker und fünf Dramen beschränkte Auswahl ist insvfern von reichster Mannigfaltigkeit, als sie das ganze Halbjahrhundert der dramatischen Blüthezeit Englands rcpräsentirt, die verschiednen Richtungen der Productiou wenigstens andeutet und neben dem historische» Interesse (welches ausschließlich wohl nur bei der Wiedergabe von Kyds „Spanischer Tragödie" obgewaltet hat) anch das ästhetische gebührend berücksichtigt. Die außer der „Spanischen Tragödie" mitgetheilten Dramen „Eduard der Zweite" von Chr. Marlowe, „Der weiße Teufel" (Vittoria Corombona) von Webster, „Perkin Warbek" von John Ford, „Der Grvßhcrzog von Florenz" von PH. Massinger gehören, jedes in seiner Art, zu den vortrefflichsten der altenglischc» Bühne, und namentlich die beiden letztern erscheinen geeignet, die Täuschung wachzurufen, daß sie selbst auf unserm Theater und auf unser Publieum eine Wirkung hervorzurufen vermöchten. Die Übertragung verdient nicht minderes Lob als die Auswahl; die der „Spanischen Tragödie" rührt von Dr. Richard Koppel, die der andern vier Dramen vom Herausgeber des Buches her. Auf die Sinntreue ist mit Recht größeres Gewicht gelegt als auf die Worttreue, es ist in diesen Verdeutschungen poetischer Zug und eine frisch realistische, schlagende Ausdrucksweise, die dem Wesen dieser Dramatiker entspricht. Mit großer Sorgfalt und rnhiger, kritischer Erwägung erscheint in den Einleitungen alles zusammengestellt, was mit Sicherheit über Leben uud Schaffen der vorgeführten Dramatiker zu ermitteln war. Der Totaleindruck bleibt freilich der, daß unsre Kenntniß des Lebens dieser interessanten Bühnendichter sich nicht über dürftige Notizen hinaus erstreckt und daß sich die innere Natnr dieser Männer aus ihreu Dichtungen nur bis zu eiucm gewissen Grade erschließen läßt.
Die erste Generation der phantasievvllen und heißblütigen Poeten, welche sich an die Londoner Bühnen anschlössen nnd ein ureigenthümliches, in Lebensfülle strotzendes Drama erschufen, die Gruppe, welche man mit einem gewissen Recht als Vorläufer Shakespeares bezeichnen kann, wenn sie auch zum guten Theil uoch mit und neben Shakespeare schnfen, umfaßte bekanntlich außer Khd lind Chr. Marlowe die Dichter Robert Greene, George Poele uud Thomas Lodge; auch Henry Chettle und Thomas Nash dürfe» ihr hinzugerechnet werden. Die Thätigkeit aller fällt in die achtziger und nennzigcr Jahre des 16. Jahrhunderts, und wie früh sich ihnen auch Shakespeare hinzugesellt haben mag, unzweifelhaft ist es, daß er cuifänglich Anregungen von ihnen empfing und daß er sie mit seinem poetischen Schaffen etwa erst von der Mitte der neunziger Jahre an zu überragen begann.
*) Altenglisches Theater, Herausgegeben von Robert Prölß. Leipzig, Bibliographische-, Institut.