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Die Reformation in der christlichen Welt.
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?>ie Reformationen in der christlichen Welt,

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sche, wissenschaftliche und erbauliche Literatur der letzten Jahrzehnte Beispiele in Menge, daß selbst die entschiedensten Vertreter und Verfechter des sogenann­ten gläubigen Standpunkts schon eine gute Weile aufgehört haben, die Berech­tigung einer mit ehrlichen Waffen auftretenden Kritik sowie einer geistigeren Fassung der Lehre von der Göttlichkeit der Heiligen Schrift so schroff abzuweisen, wie es srüher auf der ganzen Linie dieser rechten und conservativen Partei gäng und gäbe war. Und auch wo auf Festhaltung der Fundamentalartikel des christlichen Glaubens strenge bestanden wird, hütet man sich auf Kanzel und Katheder wohl, die Spitzfindigkeiten der alten Glaubenslehre irgendwie einge­hend zu behandeln und zu behaupten oder auf stricter Annahme sämmtlicher Glaubensbekenntnisse als bindender Normen selbst für die Geistlichen zn be­stehen. Orthodoxie und Symbolzwang in, Sinne früherer Zeiten existiren nicht mehr und sind in unserm kirchlichen Leben außer Curs gesetzt. Wenn sich Rechtgläubigkeit nicht zugleich thatsächlich erweist und bewährt, hat sie auch in ihren eigenen Kreisen keinen Werth mehr und darf keinen Anspruch auf Ach­tung, kaum Beachtung, mehr erheben. Mit größter Entschiedenheit dagegen for­dert und bethätigt man eben in diesen Kreisen einen in Liebe thätigen Glauben, im umfassendsten Maße und mit aufopferndster Hingabe. Wir meinen die kräftigen Lebensüußerungen, welche unsere Kirche in neuester Zeit, die mit Fug und Recht das Jahrhundert der äußern und innern Mission heißen kann, nnd zwar un­streitig gerade von dem genannten Centrum aus, durch Fürsorge für Arme, Verwahrloste, für Heiden innerhalb und außerhalb der Kirche, für Bibelver­breitung u. a. entfaltet.

Beweise ähnlicher Art für diese unsere gute Zuversicht liefert aber auch die entgegengesetzte Seite des kirchlichen Hauses, die des liberalen Protestantis­mus, von dem der Protestantenverein eine beachtenswerthe Fraction bildet. Zwar stehen den von den Anhängern des Alten zähe festgehaltenen Forderungen hier ebenso entschiedene Postulate gegenüber. Man verlangt, daß anerkannt werde, eine die edle Gottesgäbe der Vernunft und Wissenschaft verachtende Theologie sei ein Unding; man nimmt die Berechtigung zur historischen Kritik des alten und neuen Testaments sowie zur wissenschaftlichen Fassung der Glaubens- und Sitten­lehre in vollem Maße in Anspruch: man erklärt den alten Jnspirationsbegriff für eine biblisch unbegründete Menschensatzuug, welche im Grunde schon unsere Reformatoren thatsächlich nicht anerkannt haben und welche sie, wenn sie hente vom Grabe erstünden, so gut als die päpstlichen Satzungen ihrer Zeit für abgethan erklären würden. Daß dem evangelischen Glauben nicht zugemuthet werden dürfe, alle in der Bibel erzählten Wunder buchstäblich und als wirkliche That­sachen anzunehmen, daß davon so wenig als von der Stellung zu den in den Bekenntnissen niedergelegten Glaubenswahrheiten als solchen der Werth des