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Ausdruck brachte, ist schon oben bemerkt. Die Fessel, die Hipparch durch seine Forderungen der Ortsbestimmung angelegt hatte, mußte er freilich abstreifen und wie Eratosthenes rektificierte Reisemaße anwenden, wo die astronomische Bestimmung fehlte. Dieses Buch des Ptolemäus, welches neben den Anleitungen zur Projection und den mathematischen Grundlagen zur Entwerfung der ganzen Erdkarte und ihrer einzelnen Theile in Specialkarten eine gegen frühere Zeiten außerordentliche Fülle von kartographischem Material enthält, und zwar so, daß jeder einzelnen Stadt, jedem Hafen, jedem für die Zeichnung charakteristischen Punkte der Flüsse, Küsten, Grenzen und Gebirgszüge eine bestimmte Längen- und Breitenzahl beigesetzt ist, hat sich glücklicherweise während der ganzen Barbarei des Mittelalters erhalten und hat den ersten Anhalt für die Reorganisation der Geographie in der neuen Zeit gegeben.
So führte wiederum nur die Alexandrinische Astronomenschule die mathematische Geographie ihrer Vorgänger aus der Blüthezeit der hellenischen Wissenschaft zur Vollendung im Bereiche der Möglichkeit. Daß sie in ihrer letzten Erscheinung von der physikalischen Geographie nach ihrem ganzen Umfange gar keine Notiz nimmt, führt uns schließlich noch einmal zurück in die Hipparchische Zeit und zu der schon bemerkten Theilung der geographischen Bestrebungen, die sich damals vollzog. Es handelt sich also um eine unmathematische Richtung der spätern griechischen Geographie. Sie breitete sich eben so sehr ans, als die mathematische Geographie eingeengt wurde. Obschon sie von Anfang an den Keim des Verfalles in sich trug durch Vernachlässigung des mathematischen Fundamentes, so hat sie doch das Verständniß desselben lange bewahrt, vielleicht in hohem Grade bei Männern, über deren Gesammtleistungen man sich keine genügende Vorstellung bilden kann, hat die andern Seiten der geographischen Wissenschaft so glänzend bearbeitet, daß sie, nur darnach beurtheilt, ihre Vorgänger zu verdunkeln schien, nnd im Ganzen den Ruhm griechischer Wissenschaft hochgehalten, bis man, zuerst im Dienste der mit Wissenschaft gern prunkenden römischen Patrone anfing, die Schätze der vergangenen Zeit hastig und meist kritiklos zu verarbeiten, und Forschung und Verständniß im Streben nach historischer Vielgelehrsamkeit versank.
Es ist schon darauf hingewiesen worden, daß Eratosthenes nicht die Absicht haben konnte, in den dafür übrig bleibenden Theilen seines dritten Buches eine ausführliche Beschreibung der einzelnen Länder nach den Speciälfragen der physikalischen, politischen und historischen Geographie darzubieten. Das Material dafür wuchs aber mehr und mehr an, besonders als zur fortgesetzten Erforschung südlicher und östlicher Länder noch die Erforschung der West- und Nordländer Europas unter der römischen Herrschaft hinzutrat. Man fing bald an, dem Eratosthenes Fehler und Maugelhaftigkeit auf diesem Gebiete vorzurücken und