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Zur Entwicklung der Geographie der Erdkugel bei den Hellenen :
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Pol die auf die Breite bezüglichen Himmelserscheinungen, insbesondere die Pol­höhe, die Sonnenhöhen, die Grenze der nie untergehenden, Gestirne, das Ver­hältniß des Schattens zum Gnomon, bestimmte Punkte im Zenith, die Dauer des längsten Tages. Orte, deren Breite genügend bestimmt erschien, notierte Hipparch in dieser Tabelle, zu den aus der Eratosthenischen Zeit herstammenden wahrscheinlich noch Babylon, Alexandria in Troas, Byzanz, mehrere Positionen des Pytheas- Da man für die Längenbestimmuug auf die Zeitdifferenz bei Ein­tritt der Verfinsterungen angewiesen war, so berechnete er für eine zweite Tabelle nach dem Zeugnisse des Plinius auf mehrere Jahrhunderte im voraus die zu erwartenden Finsternisse auf Tag und Stunde, mit Berücksichtigung der ver­schiedenen Datierungsweise und der verschiedenen Sichtbarkeit. Die Art dieser Vorarbeiten, zu denen man mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit noch eine Verbesse­rung der Projection, vielleicht das Vorbild der Ptolemäischen, rechnen kann, lassen kaum einen Zweifel übrig über den Weg, dessen Verfolgung er vorschrieb. Unter möglichst allgemeiner Betheiligung sollten Reisende und andere Leute, die sich für Geographie interessierten, mit Hilfe feiner Tabellen Beiträge für die astronomische Ortsbestimmung liefern, und aus diesen Sammlungen, hoffte er, werde sich nach und nach die ideale Karte, erst theilweise und endlich ganz con- struieren lassen. Daß falsche Angaben mit einlaufen würden, hatte er sicherlich bedacht. Er selbst scheint eine falsche Breitenangabe für Byzanz, das er unter gleiche Breite mit Massilia legte, angenommen und notiert zu haben. Sie konnten aber, da die einzelnen Positionen nicht unter einander abhängig waren, weder für das Gesammtbild noch für die Dauer gefährlich sein.

Diese Idee Hipparchs wird man als den Culminationspnnkt der mathe­matischen Geographie der Griechen betrachten müssen. Seine Hoffnungen waren aber eitel, und der Erfolg lehrt am besten, wie weit ihn seine theoretische Conse- quenz über die seiner Zeit gesteckte Grenze der praktischen Möglichkeit und deren Bedürfniß hinausgeführt habe. Die Ausbreitung der Römerherrschaft im Westen versprach eine neue Epoche für die geographische Wissenschaft und wird als solche gepriesen, bei genauer Erwägung des Verlaufes aber stellt sich heraus, daß sie, bei aller Erweiterung der Länderkunde, die meisten spätern Vertreter der allgemeinen Geographie nur zu ungerechtfertigter Ueberhebung über die größern Vorgänger geführt hat. Die Betheiligung an der Geographie war keine geringe, man arbeitete aber nicht im Sinne Hipparchs, auch nicht mehr im Sinne des Eratosthenes, denn an die Stelle rein wissenschaftlichen Strebens trat bei der Mehrzahl gar bald das Princip der praktischen Nutzbarkeit. Die Darstel­lung der folgenden Periode bedarf für den Zusammenhang der einzelnen Ent- wicklungsphnsen noch weiterer Forschung, mau kann aber versuchen, ihre einzelnen Richtungen zu verfolgen und im Ueberblicke zu skizzieren.