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über „Emilia Galotti" spricht und bei aller Anerkennung dem Stücke „nicht gut" ist. „Wenn Schönheit und Größe sich mehr in Dein Gefühl webt", schreibt er an Herder, „wirst Du Gutes und Schönes thun, reden und schreiben, ohne daß Du's weißt warum!" Das war nun gerade Lessings Sache nicht , und hierin liegt der Unterschied beider. Endlich kommt aber für die Art ihrer gegenseitigen Beurtheilung noch sehr wesentlich in Betracht, daß Goethe zu Lessing aufsah und in vieler Beziehung in ihm seinen Leitstern erkannte. Derart hatte der junge Goethe Lessing gegenüber nichts aufzuweisen und konnte es den Verhältnissen nach nicht haben. Daß Goethe diesen Dank, den er dem großen „Wegweiser" schuldete, nie vergessen hat, obgleich er mit zunehmendem Alter den Unterschied immer schärfer fühlte, haben wir ihm billig hoch anzurechnen, da Dank auch in der literarischen Welt nicht gerade das Selbstverständliche ist. Die Differenz in dem Verhältnisse zwischen Lessing und Goethe scheint uns aber nicht sowohl durch die Neidlosigkeit Goethes, als durch die richtige Auffassung des Verhältnisses beider zu dem Wesen und der Aufgabe der Poesie gelöst. V. V.
Die Bürgermeisterin von Schorndorf.
Zur Charakteristik der musikalischen Kritik in Leipzig.
Als die „Grenzboten" im verflossenen Sommer bei Gelegenheit einer sehr , abfälligen Besprechung von A. Reißmanns „Jllustrirter Musikgeschichte", um einer etwaigen falschen Ausfassung dieser Besprechung zu begegnen, ein Bild von der bisherigen literarischen Thätigkeit des Herrn Reißmann überhaupt zeichneten, da gedachten sie zuletzt auch der auffälligen Lobeserhebungen, mit denen Herr Reißmann seit eimgen Monaten die Direktion und das Personal der Leipziger Oper überschüttet hatte, und vermutheten, daß diese Lobeserhebungen einen besondern, tiefer liegenden Grund haben müßten. „Die Theaterdireetion — sagten wir am Schlüsse — wird über kurz oder lang in den sauren Apfel beißen müssen, eine Oper von Herrn Reißmann für eine zwei- oder dreimalige Aufführung — denu öfter wird sie doch nicht gegeben — einzustudieren."
Diese Vermuthung hat sich als durchaus richtig erwiesen. Am 1. November ist die gefürchtete Oper, nachdem das Leipziger Publicum in der Tagespresse durch eine Serie jener unnachahmlichen Communiqucs, durch die es ununterbrochen über die Thätigkeit, die Pläne und Absichten der Leipziger Theaterdireetion auf dem Laufenden erhalten wird, auf das wichtige Ereigniß vorbereitet worden war, wirklich vom Stapel gelassen worden. Sie betitelt sich: „Die Bürgermeisterin von Schorndorf."
Die Aufführung würde für das Musikleben Leipzigs absolut bedeutungslos gewesen sein, wenn sie nicht Gelegenheit geboten hätte, die schmachvollen Zustände, welche in einem Theile, und leider dem exponiertesten Theile der musikalischen Kritik Leipzigs herrschen, und über welche wir schon in der Eingangs erwähnten Besprechung der Reißmannschen „Musikgeschichte" wie auch in einem spätern