Blicke auf die politische Lage in auswärtigen Fragen.
5. England und Irland. 1.
„In zehn Jahren haben die verhaßten Preußen in ihren Bemühungen, das Volk vou Elsaß-Lothringen zu gewinnen, mehr Erfolg gehabt als die mit Allmacht ausgestatteten irischen Gutsbesitzer gegenüber dem irischen Volke in drei Jahrhunderten." So schrieb vor kurzem ein Abgeordneter Irlands, und bei einem Rückblicke auf die Vergangenheit, einer Umschau in der Gegenwart wird man nicht umhin können, dieser Behauptung beizupflichten. Indeß dürfen wir nicht außer Acht lassen, daß in Irland zwar manches versäumt worden ist, was sehr wohl hätte geschehen können, daß hier in andern Beziehungen aber auch Fragen vorliegeu, deren Lösung überaus schwierig ist. Die wichtigste darunter war zu allen Zeiten diejenige, welche die unnatürliche Vertheilung des Grundbesitzes und die damit verknüpften Pachtverhältnisse betrifft. Bis auf Jakob I. gab es in Irland keinerlei persönliches Eigenthum an Liegenschaften, sondern der Clan verfügte von Zeit zu Zeit über dieselben etwa in der Weise, wie die russischen Bauerngemeinden die ihnen gemeinsam gehörigen Ländereien periodisch an die Einzelnen vertheilen. Die Häuptlinge genossen die Nutzung einer ansehnlichen Acker- und Weidefläche, mit ihrem Ableben aber ging dieselbe mit ihrer Würde an ihren Nachfolger über, der nur in seltnen Fällen ihr Sohn war, sodaß die unbeweglichen Güter auf die Dauer nie bei einer und derselben Familie verblieben. Der genannte König bot nun den damals herrschenden Häuptlingen an, ihnen das, was sie nur als Nutznießer besaßen, in Lehen zu verwandeln. Sie gingen darauf ein und leisteten den Vasalleneid. Darauf aber ließen sie sich wieder in Verschwörungen und Aufstände ein, und die Folge war, daß ihre Güter eingezogen wurden. So gelangte die Krone allmählich in den Besitz des größten Theils des Grundeigenthums auf der Insel, und was
davon übrig geblieben, wurde später von Cromwell zu Gunsten des Staates Grenzboten IV. 1880. 33