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mit einer Gruppe inzwischen entstandener neuer Novellen bereichert wurde, und die insofern als das Hauptwerk des Dichters zu betrachten ist, als sich in diesen Erzählungen alle seine Eigenthümlichkeiten voll entfalten, alle besonderen Lichter und Zauber seines Talents spielen. Man darf wohl sagen, daß mehr als eine dieser Novellen dauern und immer neues Entzücken gewähren wird, so lange die deutsche Sprache von heute nicht selbst eine tiefgreifende Umwandlung erfährt. Kellers Phcmtafiereichthum und Humor, seine Gemüthstiefe und scharfe Menschenkenntniß, der Reichthum seiner Stimmungen wie die reizvolle Wandlungsfähigkeit seiner Darstellungskraft, die für die verschiedenen Stoffe den verschiedensten Ton findet, seine ganze scharf ausgeprägte Eigenart concentriren sich in den „unsterblichen Seldwylern", wie sie Heyse in einem reizenden Sonett mit Recht genannt hat. In der gesammten deutschen Literatur existirt kaum ein zweites Buch, welches so unbedingt aus den Voraussetzungen und Eindrücken eines begrenzten ureigenen Heimatbodens herausgewachsen wäre und sich doch so hoch in die Region jener Poesie erhöbe, die man sich ineist vom Localboden gelost vorzustellen liebt. Wer den stolzgewachsenen Baum hoch ins Blau ragen sieht und den frischen, würzigen Duft einathmet, den die Luft von ihm daher- trägt, der denkt wohl kaum mehr an die Verästlnng der Wurzeln tief im Waldboden. Und doch hat es eine Zeit gegeben, in welchem die wunderlich laufenden, tief hinabreichenden, knorrigen Wurzeln des Baums den Blick vieler so an den Boden bannten, daß sie nicht zu sehen vermochten, wie schlank der Stamm emporsprang, wie frei er sich wiegte. Seltsam, räthselhaft ist es gewiß, aber wahr bleibt es nicht minder, daß ein Theil der Leser und Urtheiler sich von dem Prachtbuche „Die Leute von Seldwyla" spröde und scheu abwandte. Sie vermochten nur den Hintergrund der Schweiz,- und zwar der radiealen, Jährenden, zu fremdartigen Lebensverhältnissen gediehenen Schweiz, nur die localen Elemente, auch eine gelegentliche Härte und einen übermüthigen Scherz wider das hohe Philistertum aufzufassen. Der Ueberreichthum der Charakteristik ^im engsten Rahmen eines lustigen, halbverkommenen Schweizerstädtchens, die große Zahl lebendiger, ernster und komischer Menschengestalten, deren Züge der Dichter getreulich erlauscht hat und in deren Seelen er uns bis in die letzten Tiefen, in die geheimsten Falten hinabschauen läßt, entging ihnen ebenso wie die Fülle bewegter, fesselnder Hcmdluug und genialer Erfindung. Nicht leicht konnte ein stärkeres Mißverhältniß zwischen dem Entzücken der Sehenden und Empfänglichen und der Gleichgültigkeit des größeren Publikums obwalten. Die Vorzüge der Kellerschen Novellen waren eben solche, daß sie nur empfunden und genossen, nicht demonstrirt werden konnten.
Wie es immer zu geschehen Pflegt, fiel am Ende das leuchtendste, farbigste Jnwel, die Novelle „Romeo und Julia auf dem Dorfe", zuerst in die geschlossenen