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Diese wird und muß aber, zum Schaden allein der evangelischen Kirche daraus verschwinden, wenu uach dem liberalen Systeme hier weiter verfahren wird.
Literatur.
Roma Capitale. Römische Lebens- und Landschaftsbilder von Rudolf Kleinpaul. Leipzig, F. A. Brockhaus 1880.
Ein stolzer Titel, der in seiner lapidaren Kürze entschieden anspricht: Roma Capitale! Und doch müssen wir mit dem Verfasser gleich über den Titel zu rechten beginnen. Der Titel Roma Capitale berechtigt uns zu dem Glauben, daß wir es hier mit einem Gesmnmtbilde zu thun haben von dem, was Rom nach seiner Vergangenheit ist und was es in der Gegenwart bedeutet, daß wir mit den charakteristischen Zügen des römischen Lebens und der römischen Landschaft bekannt gemacht werden. Aber nicht allein behandeln eine Reihe von Abschnitten wie „Die italienischen Todtenbrüderschaftcn„Betten der Todten von sonst und jetzt," „Die Symbolik der altchristlichen Kunst" vieles, was nicht speciell römisch ist, sondern der Verfasser führt uns auch ganz von Rom hinweg in den Capiteln, welche die Ueberschrift tragen: „Der Triumph des Todes," „In die glückliche Campagna," „Ueber See". Die übrigbleibenden Bilder aber, „Alt- und Neu-Jerusalem," „Das Findelhaus von San Spirito," „Eine römische Passatella," „Römische Straßenrufe" u. s. w. behandeln in überwiegender Mehrzahl nur eine ganz beschränkte Seite des römischen Lebens und nicht eben die originellste. Es darf uns daher nicht Wundern, wenn die einzelnen Schilderungen aller Verbindung unter einander entbehren, wenn ihre Reihenfolge eine ganz zufällige ist. Wir würden dies nicht hervorheben, wenn nicht der Verfasser uns die Berechtigung gäbe, das Gegentheil zu hoffen.
Im ersten Abschnitte nämlich „Eine Morgenstunde auf dem Monte Pincio" führt uns Kleinpaul in die herrlichen, immergrünen, mit den Büsten aller bedeutenden Italiener geschmückten Anlagen Vciladiers. Hier findet er zu den Füßen Tassos zwei schöne Frauen, Kränze windend. Die eine ist eine Marchesa von Sorrent, mit einem Abkömmling von Tassos Schwester vermählt. Die andere ist eine ihm bekannte Litauerin, die er seit Jahren nicht gesehen „eine Jungfrau, der man nicht näher treten konnte, ohne etwas wie die Blüthe einer ausgesuchten Bildung und den Zauber einer aristokratischen Natur instinctmäßig zu empfinden; in deren reinem Herzen die Leidenschaft und alles Irdische, woraus die sterblichen Leiber sich formen, zu einem leisen und goldenen Dufte aufgelöst ward; die wie der stille Mond blaß und matt, ein verschwindendes Wölkchen, am prächtigen Himmel stand, aber bei einbrechender Dämmerung magisch aufstieg, und mit unsichtbaren Strahlen wuchs und zunahm, bis sie wie das süße Morgenlicht einer höheren Welt über die Erde verbreitete." Die beiden Frauen, von denen die Litauerin als Gräfin Leonore bezeichnet wird, nahmen den Verfasser als Cicerone an. Er machte sie mit Rom bekannt. Sie lernten viel von ihm, er noch mehr von ihnen. Denn „unsere gelehrte Kenntniß und unsere Schulweisheit ist nichts gegen einen Tact, der sicher das Rechte trifft, und gegen das auserwähltc Auge, das blitzartig den Genius erfaßt." Beides aber besaß die schöue Gräfin in phänomenaler Weise.
Die Führerschaft konnte nicht ungefährlich sein. „Eine lange Geschichte knüpft sich daran, bei der, wie es in dieser Welt zu gehen pflegt, auch wieder romantische Verwicklungen störend dazwischen traten und den wissenschaftlichen Plan durchkreuz-