— 506 —
überbringt. Während die Jungfrau in ängstlicher Spannung mit der Schale in der Hand die Ausführung desselben erwartet, begeben sich die Schergen in ein unterirdisches Gefängniß, um die Rachelust der Herodias zu befriedigen. Die Figuren sind eigentlich das Gleichgültigste an der ganzen Geschichte. Der historische Moment hat dem Künstler nur zum Vorwande gedient, nur seine technische Virtuosität, welche in der Nachahmung des Stofflichen mit Alma Tadema wetteifert, an der täuschenden Nachbildung von Marmorgetäfel an Wänden und Fußböden, von Teppichen, Vorhängen, Gewändern und Geräthen zu erproben. Wenn es das Endziel der Kunst ist, in solchem todten geistlosen Kram aufzugehen, dann ist Herr Professor Albert Baur in Düsseldorf ein großer Künstler. Ich für meinen Theil halte seine Historienbilder für die frostigsten, welche zur Zeit in Deutschland gemalt werden. Und damit ist wirklich nicht wenig gesagt!
Auch einige mythologische Compositionen gehören in die Gruppe der Gemälde großeu Stils, namentlich „Perseus und Andromeda" von Gustav Wertheimer in Wien, und derselbe Gegenstand von Heinrich Bürck, der ihn aber des schöneren Effectes wegen unter dem' pompösen Titel „(Aoris. viotorl!" ausgestellt hat. Wertheimer ist ein Colorist von gediegener, ja glänzender Technik, der seine Aufgabe in glücklicher Weise dadurch gelöst hat, daß er den Körper der schonen Königstochter in ein volles, warmes Licht gesetzt, dagegen den von oben herabschwebenden Perseus und das Meerungeheuer in ein besonders für das letztere wohlthätiges Helldunkel gehüllt hat, so daß der ganze Vorgang auch durch die Farbe den ihm so nothwendigen Charakter des Geheimnißvollen und Mythischen erhält. Dagegen hat Heinrich Bürck seine Figuren in die nüchterne Deutlichkeit des hellsten Tageslichts gerückt. Mit poetischer Willkür hat er die Sage so umgewandelt, daß er Perseus mit der geretteten Andromeda auf dem Pegasos gen Himmel schweben läßt. Ein fliegendes Pferd in colossaler Größe und obenein mit doppelter Last ist schon an und für sich eine mißliche Geschichte. Andromeda kniet, völlig unbekleidet, auf dem linken Flügel des Rosses. In der Rechten hebt sich Schwert und Lorbeer des Siegers zum blauen Himmel empor, während sie sich mit der Linken am Halse des Perseus festhält. Dieser führt mit der einen Hand den Zügel des sich hoch anfbäumenden Pferdes, mit der anderen streckt er das schwarzlockige Haupt der Medusa weit von sich. Die Idee ist gewiß poetisch und die Erfindung nicht ohne Schwung. Wenn trotzdem die gewaltige Leinwand eine ebenso gewaltige Geschmacksverirrung ist, so trägt die unglückselige Farbe die Schuld an diesem herben Endurtheil. Heinrich Bürck war schon längere Zeit in Dresden als Genremaler mit Erfolg thätig, als er eines Tages beschloß, nach Berlin zu gehen und in der Malklasse Gussows sich die technische Vir-