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Der Liberalismus in Süddeutschland.
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Der Liberalismus in Süddeutschland.

Wer gegenwärtig gezwungen wäre, seine Informationen über den Stand des Liberalismus lediglich aus den Zeitungen zu schöpfen, der würde, bei der Mannigfaltigkeit der Beurtheilung, welche dieser krankende Sohn des Jahrhun­derts von der Vossischen bis zur Kreuzzeitung gegenwärtig erfährt, schwerlich im Stande sein, sich ein auch nur einigermaßen klares Bild über denselben zu machen. Eins nur würde ihm gewiß werden: daßetwas faul sein muß im Staate Dänemark", und daß jeder, auf welchem Parteistandpuukte er auch steht, sich für berufen hält, diesen faulen Punkt zu heilen. Wie weit jedoch dieses Berufensein in den meisten Fällen her ist, sieht man allein schon daraus, daß die Heilmittel und Reorganisationsoorschläge in den meisten Fällen geradezu entgegengesetzt sind und' sich gegenseitig aufheben. Als ob überhaupt einer Partei, die scheinbar oder in Wirklichkeit auf Abwege gerathen ist, von außen her einfach eine Directive gegeben werden konnte! als ob sie etwas wäre, das nicht auf einer politischen Strömung im Volke beruht, sondern das un­abhängig hiervon mit dem Schwerpunkte nach rechts oder nach links bestimmt werden könnte! Freilich hängt das Verfehlte dieser Annahme, die ja den heu­tigen politischen Erörterungen in der That vielfach zu Grunde liegt, mit der Parteientwicklung der Gegenwart eng zusammen. Nicht nur der größte Theil unserer Presse, besonders die mehr nach links neigende, sondern auch die Mehr­zahl der parlamentarischen Führer nimmt das Recht für sich in Anspruch und glaubt die Macht dazu unbestreitbar zu besitzen, daß sie einen bestimmenden Einfluß auf ihre Partei in Bezug auf den nach rechts oder links liegenden Schwerpunkt auszuüben in der Lage sei. Und doch liefert die Wahlgeschichte Laskers und Richters im nördlichen, Kiefers im südlichen Deutschland den Be­weis, wie falsch diese Annahme ist; und was den Einfluß der Presse betrifft, so darf man sich doch auch hier, bei aller Anerkennung der thatsächlichen Macht derselben, keinen Illusionen hingeben. Gerade die Leiter der Presse selbst hätten bei genauer Beobachtung der Entwicklung des Parteilebens in ihren Bezirken im Verhältniß zu ihrer eigenen Thätigkeit und ihren Versuchen, diese Entwick- luug zu bestimmen, längst lernen können, daß dieses Verhältniß oft ein sehr lockeres, nicht selten ein geradezu dem, welches ihr Selbstbewußtsein ihnen vor­spiegelte, entgegengesetztes ist, hätten es lernen können, wenn an diesem Tempel der sogenannten öffentliche Meinung das <5e«vr<,v nicht längst verwit­

tert uüd unleserlich geworden wäre.

Seit einer Reihe von Monaten, eigentlich schon seitdem die Berathung der zollpolitischen Vorlage dem deutschen Volke den traurigen Beweis lieferte, daß Liberalismus und semitischer Haudelskosmopolitismus sehr nahe verwandte Begriffe sind, steht in der öffentlichen Discussion die Verwirrung, die Verfah­renheit und Zerfahrenheit in unserem politischen Parteilebeu als Thema oben an. Kein Wunder. Soweit das Gedächtniß der lebenden Generation zurück­reicht, hat uoch nie eine so babylonische Verwirrung stattgefunden wie gegen­wärtig; es scheint, als wäre uns jeder Maßstab zur Beurtheilung des politi­schen Lebens und der politischen Stimmung verloren gegangen. Man braucht nur einen Bürger nach seinem politischen Parteistandpunkte zu fragen: es wird schwer halten, eine schnelle, klare, vorbehaltlose Antwort von ihm zu bekommen.