Beitrag 
Ein Wort zur Beruhigung in dem Orthographie-Streite.
Seite
365
Einzelbild herunterladen
 

- 365

Ein Wort zur Beruhigung in dem Orthographie- Streite.

Als zu Beginn des Jahres 1876 auf den Ruf des Ministers Falk eine Anzahl Germanisten, Schulmänner und Vertreter des Buchhandels und Druck- gewerbes in Berlin zu eiuer Konferenz zusammentraten, um über eine Regelung unserer so zerfahrenen Rechtschreibung zu beraten, da wurden sie von dem ganzen Volke mit wahrer Begeisterung begrüßt. Man hoffte, daß nach der Politischen Einigung Deutschlands nun auch auf diesem Gebiete die Einheit er­zielt werden würde, die von allen so dringend ersehnt wurde. Als aber vor kurzer Zeit jene so sehr erwünschte Regelung in Bayern und Preußen, zunächst nur für die Schulen erfolgte, was fand sie für eine Aufnahme? Auf allen Seiten hörte man laute Stimmen des Tadels und der Unzufriedenheit. Die Mißstimmung drückte sich vernehmlich im deutschen Reichstage aus, ja bis in die hohen und höchsten Regionen verbreitete sie sich: ich erinnere nur an den bekannten Erlaß des Reichskanzlers und an die Korrektur, welche ein amtliches Schriftstück in dem Kabinett eines gekrönten Hauptes erfuhr. Während früher überall der Ruf ertönte, der Zustand unserer Rechtschreibung sei unerträglich, es könne so nicht länger fortgehen, es müsse eine Einheit geschaffen werden, wird jetzt auf der Rednerbühne des Reichstags und in der Presse immer und immer wieder gepredigt, unsere Orthographie sei ganz gut, es sei gar kein Be­dürfnis zur Änderung vorhanden, nur die Germanisten und Schulmeister hätten die Orthographie-Frage künstlich erzengt; ja ein Redner verstieg sich sogar zu der eigentümlichen Behauptung, vor allem sei die Bequemlichkeit des Lehrer­standes an der ganzen Sache schuld, indem sich die Herren den orthographi­schen Unterricht möglichst erleichtern und abkürzen wollten.

Gegenüber dieser Strömung der öffentlichen Meinung, die allerdings zum Teil auf politische Gründe zurückzuführen ist bekanntlich spricht man immer nur von der Putttamerschen Orthographie, nicht von der Lutzischeu, obgleich ver Minister Puttkamer an der ganzen Sache ziemlich unschuldig ist, gegenüber dieser Tagesstimmung scheint es wirklich an der Zeit zu sein darauf hinzuweisen, daß diejenigen Kreise, welche bei der Frage am meisten interessiert sind, ich meine die Schule uud den Buchhandel, von der Nothwendigkeit einer Regelung unserer Schreibweise nach wie vor durchdrungeu sind, und daß gerade sie zum allergrößten Teile die soviel geschmähte sogenannte nene Ortho­graphie freudig begrüßt haben.

Greiizbowl III, 1380. 47