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Eine neue Biographie Peters des Großen.
Man kann nicht behaupten, daß die neuere politische Geschichtschreibung eine lebhafte Neigung für die Biographie habe. Jene naive ältere Art, die in der Geschichte der Menschheit wettiger eine zusammenhängende, von großen Gesetzen geleitete Entwicklung, als vielmehr das Werk einzelner großer, aus sich selbst schöpfender Helden sah, die sich an diesen bewundernd oder hassend aufregte und mit lebhaftester Theilnahme allem Persönlichen bis zur Anekdote und zum Klatsche nachging, hat sich gegenüber einer vertiefteren Einficht in das Wesen des geschichtlichen Processes nicht behaupten können. Man weiß jetzt, daß nicht nur die Könige sondern auch die Völker mit an diesem nie rastenden Processe arbeiten, fördernd und hemmend, schiebend und geschoben, alle unter dem Einflüsse von Ideen, die sich unabhängig von dem Einzelnen entwickelt haben, und bedingt durch die Verhältnisse, die stärker find als die Einzelnen, und so betont die neuere Geschichtschreibung mit Vorliebe den Zusammenhang der Entwicklung und wendet sich mit Eifer auf die Darstellung der Zustände und Verhältnisse. Ganz wesentlich verändert sich dadurch der Standpunkt des Biographen gegenüber seinem Helden. Er kann nicht mehr eine Romanfigur aus ihm machen wollen, die eines sorgfältig ausgeführten realen Hintergrundes nicht bedarf, er wird sich gerade bemühen müssen, ihn in seiner ganzen geschichtlichen Gegebenheit zu zeigen und darnach den Umfang und den Werth seiner individuellen Thätigkeit, seines persönlichen Wissens und Schaffens, seines Einflusses auf die ihn umgebende Welt, seiner Bedeutung für die späteren Geschlechter hervortreten zu lassen. Eine gute Biographie in diesem Sinne steigert nicht nur die Ansprüche an den Autor, sondern auch an den Leser, sie will nicht in erster Reihe interessant, sondern geschichtlich wahr sein und erfordert eine ernsthafte und gespannte Lectüre. Um so dankbarer ist sie dann aber auch gleichmäßig für beide Theile.
Als ein durchaus erfreuliches und weiten Kreisen zur Lectüre empfehlens- werthes Werk in diesem Sinne erscheint die neueste Biographie Peters des Großen von dem Dorpater Professor Alexander Brückner*). Der Verfasser ist als Deutschrusse und geborner Petersburger besonders geeignet, sowohl die persönliche Entwicklung des Schöpfers des modernen Rußlands, wie dessen Bedeutung für sein Volk und für ganz Europa zu verstehen, ohne im nationalen Sinne zu übertreiben. Und da seine Studie» schon seit Jahren gerade der
In der von Wilhelm Oncken hewvrgcrufenen „Allgemeinen Geschichte in Einzeldarstellungen". (Berlin, Gwte.)