Englands Imperium.
Die englische Presse, namentlich die der Regierung nahestehende, redete in den letzten Wochen wiederholt dem Beitritte Großbritanniens zu dem von Fürst Bismarck in Wien erzielten Einverständnisse zwischen Deutschland und Oesterreich-Ungarn das Wort. Unter cmderm sagte der aus den Kreisen Salisburys inspirirte Ltanä^rä kürzlich: „So lange die Absichten Deutschlands und Oesterreichs bleiben, was sie sind, so lange wird die Erhaltung des Einflusses derselben ein der englischen Politik werther Zweck sein. Ein gutes Einvernehmen zwischen England, Deutschland und Oesterreich ist das natürlichste aller Bündnisse und würde die stärkste Bürgschaft für die Wahrung des europäischen Friedens bieten." Das klingt ganz unverfänglich. Wir lesen aber hier wie bei ähnlichen Auslassungen allerlei zwischen den Zeilen; z. B. ein gewisses Unbehagen darüber, daß England sich mit seinen Bestrebungen im Osten isolirt findet; auch den Wunsch, auf die Hilfe der beiden in Wien zur Vertheidigung des Friedens einander nahegetretenen mittelenropäischen Großmächte gestützt, in der Türkei nnd in Centralasien Rußland gegenüber entschiedener das einseitige Interesse Englands fördern zu können. Mit andern Worten: Wir und Oesterreich-Ungarn sollen uns bestimmen lassen, die britische Macht zu ergänzender spezifisch englischen Politik unsere diplomatischen und militärischen Kräfte zur Verfügung zu stellen und uns mit schönem Dank und Lob für gute Aufführung zu begnügen.
Das war aber bisher weder in Berlin noch in Wien die Meinung, und
es wird auch künftig nicht zu haben sein. Dort wie hier hat man seine eignen
Interessen und Zwecke, deren oberster die Erhaltung des Friedens nicht blos
dem russischen Egoismus gegenüber, sondern nach allen Richtungen hin ist,
von wo derselbe bedroht und gefährdet werden kann. Die Vergangenheit lehrt,
daß die Rücksichtslosigkeit der englischen Selbstsucht genau so groß wie die der
russischen ist, und wenn wir vor dem letzten Kriege, während desselben und
nach ihm weder der einen noch der andern dieser beiden Mächte die Kastanien Grmzboten IV. 1879. 63