— 310 —
gibt, hat mit den Traditionen des Bauernthums seit lange nichts gemein. Auch in Rußland beginnen die städtische und die städtisch gebildete Bevölkerung allen bestimmenden Einfluß in sich zu konzentriren. Die Massen aber strömen in jedes Bett, das ihnen gegraben wird. Jede der inneren Auflösung und Zersetzung weiter gegönnte Frist vergrößert die Gefahr, und wenn es sich (wie wir erwarten) fugen follte, daß nicht Alexander II., sondern erst der zur Erfüllung der Volkswünsche im voraus engagirte Erbe seiner Krone die große Reform unternähme, so ist die Wahrscheinlichkeit, daß diese der Revolution die Thore öffnen werde, größer als jede andere." G
Das Aomanheloenthum in der Moral.
Von Cuno Stommel (Düsseldorf).
In den Philosophieen aller Völker, speziell in den moralphilosophischen Systemen, läßt sich das Zusammenbestehen der beiden Urtypen menschlichen Begreifens und Anschauens, das sensnalistische und das rationalistische (kritische, idealistische) Moment nachweisen. Der Sensualismus ist, moralphilosophisch betrachtet, diejenige geistige Disposition, welche durch sinnliche (äußere und innere) Impulse zum Handeln bestimmt wird. Das Thier handelt nur nach Instinkten, es ist unfrei; in ihm und aus ihm handelt lediglich die Natur. Der Mensch würde, wenn dies auch bei ihm der Fall wäre, und wenn seine Vorzüge vor dem Thiere, Vernunft und Sittlichkeit, den Instinkten, d. h. den Naturtrieben, durchaus unterlägen, rein sensualistisch handeln. Der Rationalismus dagegen behauptet, außer den sinnlichen Impulsen noch solche zu kennen, welche nicht Instinkt, nicht Natur sind, sondern von jenen durchaus verschieden die menschlichen Handlungen bestimmen. Dies sind die sittlichen Impulse der Vernunft. Kurz, Sensualismus ist Naturunterthänigkeit, Rationalismus ist Freiheit.
Der Sensualismus kennt zwar auch sittliche Impulse der Vernunft, aber diese sind ihm nichts Anderes, als nothwendige Ergebnisse des Naturprozesses im Organismus, wie denn die Gehirnfunktionen von ihm den gewöhnlichsten organischen Absonderungsprozessen gleichgestellt werden. Wie im Ganzen der Natur nothwendige Kausalität, so herrscht auch im menschlichen Körper nichts Anderes als Nothwendigkeit, Gesetz, Kausalität.
In der Philosophie gelangte diese sensualistische Auffassung sehr bald zu