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des von Larkens' Eröffnungen wie betäubten Nolten. Den eigenartigsten, reichsten Schatz innerer Erfahrung aber thut der Dichter immer da auf, wo Kindheits- erinnerungen zur Sprache kommen. Neben der psychologischen Tiefe zeichnet der hohe künstlerische Ernst das Werk aus. Auch wo er das Gräßliche schildert, schildert Mörike niemals gräßlich, und überall wahrt er die Ueberlegen- heit des Erzählers über die Personen seiner Dichtung. Hob den Roman schon in seiner ersten Gestalt poetischer Reichthum und liebevolle Vertiefung in den Gegenstand hoch über die Sphäre der gewöhnlichen Romanliteratur empor, so hat er in der Umarbeitung durch den gereiften Kunstsinn des Verfassers an maßvoller Haltung und Adel der Sprache gewonnen. Unter den Charakteren ist in der Bearbeitung am tiefsten umgestaltet und am meisten gehoben — mehr fast, als der Oekonomie des Ganzen entspricht — die Gräfin. Die Perlenkette, deren Schicksale ihren eigenen wechselvollen Schicksalen treu zur Seite gehen, ist ein Symbol von einer Einfachheit und Tiefe, wie nur die echten Dichter sie finden. Klaiber bedauert, daß uns die Lücke, die sich in Mörikes Bearbeitung fand, über die ferneren Schicksale der Gräfin im Unklaren lasse; ich kann ihm darin nicht beistimmen. Die Uebersendung der Perlenschnur an Nolten sagt uns Alles, was wir in einem solchen Falle zu hören wünschen, und sagt es uns so schön, wie wir es sehr selten hören.
Nach dem „Nolten" hat Mörike ein größeres Werk nicht mehr unternommen. Kränklichkeit ließ die Lust dazu nicht aufkommen, das Leben brachte ihm keinen großen Stoff, der zur Gestaltung drängte. Und er schnf nichts ohne Stimmung, ohne Drang. Seinem spezifischen Wesen aber, das sich in der ländlichen Stille aus der Gährung des Jünglingsalters immer reiner abklärte, seiner kindlichen Natur, seiner idyllischen Richtung, seiner Neigung, sich in die Gegenstände zu versenken und sie behaglich auszuschöpfen, Hütte eine kompli- zirte, bewegte Handlung nicht einmal zugesagt. Dem „Nolten" noch ganz nahe steht „Lucie Gelmeroth" (1834), eine Novelle, die ein psychologisch-pathologisches Problem behandelt und das Gebiet der Kriminalgeschichte wenigstens streift. Erquickenden Wechsel bringt in die schwüle Atmosphäre die Kindheitsepisode, ein Bestandstück, das nicht leicht einer Komposition unseres Dichters fehlt. In feinere psychologische Vorgänge vertieft sich Mörike dann nur noch einmal wieder in der'Mozart-Novelle (1856). Die Märchen uud die „Idylle vom Bodensee" zeigen nur die einfachsten Charaktere und Motive. Unter den Märchen kranken die früheren, „Der Bauer und sein Sohn" und „Der Schatz" (1836), bei echt dichterischen Schönheiten an einer phantastischen Vermischung des Wirklichen und Wunderbaren. Märchennovellistik hat man diese Mischgattung genannt. Innerhalb dieser Jugendperiode bildet der „Schatz" durch geschickte Anlage, durch Frische und Glanz der Darstellung einen Höhepunkt.