Zeitgemäßes aus einer Lutljerschrist.
Die bahnbrechende Kulturbedeutung von Luther's Reformation wird auch von denen, welche mit der Kirche der Reformation sehr wenig mehr zu thun haben, fast einstimmig anerkannt. Aber man sucht sie doch weit mehr in der Abschüttelung des römischen Bleigewichts, welches den jugendlichen Aufschwung des modernen Lebens und Strebens hemmte, also mehr in der negativen Vorarbeit, als in fruchtbaren, positiven und greifbaren Verbesserungs - Vorschlägen und -Maßregeln. Was weiß man überhaupt gemeinhin, anch in gebildeten Kreisen, von dem großen Volksmanne, abgesehen von den wichtigsten Thatsachen seines äußeren Lebens, einigen Schrifttiteln, seiner Bibelübersetzung, seinem kleinen Katechismus und einigen wuchtigen Gesangbuchsliedern? Etwa noch, daß die Lehre von der Rechtfertigung aus dem Glauben allein, für die man heutzutage meist kein rechtes Verständniß mehr hat, der Angelpunkt seines Denkens und der Trost seines Lebens war, daß er übrigens in seiner Sturmund Drangperiode manche kühne Aeußerung auch über biblische Schriften gethan hat, daß er ferner ein tiefgemüthlicher Familienvater und ein Mensch von lebensfroher Geselligkeit und kernigem Humor gewesen ist, daß er dagegen in politischen Fragen nie eine rechte Sicherheit gewonnen, sich diese daher möglichst vom Leibe gehalten, und als er doch einmal tiefer in eine verwickelt wurde — bei Gelegenheit des Bauernkriegs —, sich ziemlich unpraktisch benommen und es mit beiden Parteien verdorben hat.
Viel weniger bekannt ist es, daß Luther nicht blos die sittlichen, sondern auch die sozialen Uebelstände, die mit jenen wie mit den kirchlichen Mißverhältnissen ja eng verbunden waren, ziemlich scharf in's Auge gefaßt und in ihrer Beurtheilung und seinen Verbesserungs-Vorschlägen oft genug den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Dies bezeugt namentlich die prächtige Schrift des Jahres 1520 „An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung", gewiß eine der praktischsten, die er geschrieben.*) Die
Wir machen bei dieser Gelegenheit aufmerksam auf die treffliche zweibändige Auswahl aus Luther's Schriften, die unter dem Titel: Martin Luther als deutscher Klassiker bei Heyder Ä Zimmer in Frankfurt a. M. erschienen ist.
Grcnzboten III, 1879. 23