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auch, schöne Weisen aber zu schönen Liedern svnst nnr im Vvlksgesange. Feinheit und Adel der Empfindung, Humor und Leidenschaft, tiefe Bewegung und vornehme Haltung, Mannigfaltigkeit und Harmonie der Stimmung, alles, was nur die Kunstpoesie erreicht, was Goethe's Einzigkeit unter den Lyrikern ausmacht, wohin der Volksgesang nicht folgen könnte, das hat mit den Mitteln einer auf dem höchsten Gipfel angelangten musikalischen Kunst Franz Schubert dem größten Lyriker nachgeschaffen. Er hat ihn verstanden, wie wir alle noch heute es nicht vermocht hätten, er hat ihm öfters erst die unzweifelhafte Deutlichkeit der Sprache gegeben, er hat ihn zuweilen übertroffen und ist ihm sonst zur Seite geblieben. Bei mancher Perle Goethischer Dichtung, die zur musikalischen Fassung einlädt, ja ihrer bedarf, und auf die Schubert's Blick nicht gefallen, oder zu deren Komposition ihn der frühe Tod nicht gelangen ließ, habe ich mir zuweilen gesagt, daß wir den wahren Ton für sie wohl niemals hören werden, daß dieser Verlust zu den unwiderbringlichen gehört, die der Träger jeder Gabe, welche nur einmal verliehen wird, bei seinem Abschiede mit hinwegnimmt.
Bei dieser Begegnung der beiden einzigen Sänger fehlt aber auch, wie sich's eben auf Erdeu fügt, ein UnVerständniß nicht. Einmal hat der Sänger den Dichter nicht verstanden, und merkwürdig, bei einem der schönsten Lieder nicht. Aber wenn dieser Sänger den Tribut des Irdischen damit entrichtete, daß er das einmal Vollkommene nicht fand, so war er doch vor dem gemeinen Irrthum geschützt. Er verstand das Lied nicht, wenigstens nicht ganz, das ihn wie uns alle anzog; er warf das Unverständliche hinaus, hatte nunmehr ein verständliches Gedicht vor sich und schrieb eine Weise dazu, wie sie zu dem nunmehrigen Gedichte paßte.
Hier, wo er das Höchste nicht fand, zeigt uns der Sänger, wieviel weiser er ist als wir, die wir uns einbilden, das Gedicht zu verstehen. Er wußte, daß er das Gedicht nicht verstand, und machte es sich so weit verständlich, um es singen zu können; freilich führte das zu einer Amputation. Wir lesen das Gedicht, bewundern es, lassen es uns nach neuester Mode durch zwei angesichts des Mondes sich umschlungen haltende Jünglinge „illustriren" und wissen nicht, daß wir es uicht verstehen.
Ich spreche von dem weltbekannten „Füllest wieder Busch und Thal". Wir bewundern es, ja! Wir lieben es. Wir wollen sonst nichts von Mondscheinliedern wissen, weder vorgoethischen noch uachgoethischen; dieses aber lassen wir gelten, so sind wir übereingekommen, und man darf annehmen, daß auch viel aufrichtiges Wohlgefallen an dieser Uebereinkunft Theil hat. Der Stimmung nach fassen wir das Lied als das schönste Exemplar derjenigen Gattung, deren Ton das mit Unrecht verspottete „Guter Mond, du gehst so stille" so charcckteri-