samkeit oder die innere Güte eines jeden Dings nehmen. So hat ein Pferd, so hat das Eisen seine Tugenden, und der Held auch, der seinen gehörigen Antheil Stahl, Härte, Kälte und Hitze besitzt. Die Anwendung soll sein Verdienst, und die Menge der Wirkungen, welche das menschliche Geschlecht davon zieht, die Größe seines Verdienstes bestimmen."
Htnselm Jeueröach.
Goethe hat im zweiten Theile seines „Faust" zuerst mit Bewußtsein das Problem aufgestellt, an dessen Lösung im Laufe des Jahrhunderts die erlesensteu Geister unseres Volkes mitgewirkt haben, das Problem, die Klassizität des antiken Griechenthums mit den Idealen der modernen Kunstanschauung, insbesondere mit der Romantik, zu verschmelzen und dadurch eine neue Renaissance heraufzuführen. Auf den verschiedenen Gebieten der Knust ist die Lösung dieses Problems verschiedenartig angestrebt worden. In der Bildhauerkunst wurde der Ausgang zu dieser Renaissance von dem eifrigsten Studium der Natur genommen, welches aber durch die Vorbilder der Antike geregelt wurde. Thor- waldsen und Rauch waren in der Plastik die Chorführer dieser Renaissance, die sich — und wie bald! — heute schon wieder ausgelebt hat. Rietschel machte bereits einen großen Schritt von der Antike dem reinen, nicht durch ein anderes Medium hindurchgeleiteten Naturalismus entgegen, und in unseren Tagen krönt der Beifall der Menge und das Glück des Erfolges die Werke eines Reinhold Begas, der in seinem derben, wuchtige» Naturalismus, in seiner dramatischen Leidenschaftlichkeit an Michel Angelo und das Zeitalter des Barocco anknüpft.
Ganz denselben Verlauf hat die Geschichte der modernen Architektur und Malerei genommen. Au der edlen, einfachen, stilvollen Klassizität Schinkel's geht man hente fast theilnahmlos vorüber. Man versucht nicht mehr die Wiedergeburt der deutschen Kunst aus dem Geiste des Griechenthums, sondern knüpft an die voll und üppig entwickelte Renaissance des 16. Jahrhunderts an, wie sie sich in Italien, Frankreich und Deutschland, den Bedürfnissen eines jeden Landes entsprechend, gestaltet hat. Die Renaissance des 16. Jahrhunderts liegt dem modernen Geiste ungleich näher als die kühle Hoheit der Antike. Ich habe viele Leute theilnahm- und verständnißlos an der „hohen Frau von Milo" vorübergehen sehen; aber vor der allgewaltigen, ergreifenden Herrlichkeit
GrenzSoten 1II> 1879. s